Unten sticht ein Mann mit der Mistgabel auf eine Kuh ein, oben schlägt ein Junge mit einem Knüppel auf ein anderes Tier. © Soko Tierschutz
Interview zu Tierquälereien

Psychologin zum Mecke-Skandal: „Eine Vergewaltigung von Kinder-Seelen“

Die Tierquälereien in der Mecke-Viehsammelstelle spielten sich vor den Augen von Kindern ab. Der eigene Vater animierte die Kinder, Tiere zu schlagen. Was macht das mit Kinder-Seelen?

Das Entsetzen über die brutalen Tierquälereien in der Viehsammelstelle Mecke steigerte sich noch, als Kinder ins Spiel kamen. Die mit versteckter Kamera aufgenommenen Video-Sequenzen zeigten nicht nur, wie ein Mann vor den Augen von Kindern Tiere trat, schlug oder mit Mistgabeln traktierte. Nein, dieser Mann, offenkundig der Vater von den zuschauenden Kindern, animierte sie zu eigenen Quälereien.

Was macht das mit Kinder-Seelen? Sind die Jungen und Mädchen dauerhaft traumatisiert? Sollte man sie den Eltern wegnehmen? Diese Fragen erörterten wir mit der in Werne wohnenden Psychologin und Psychotherapeutin Dr. Gabriele Angenedt.

Ein Mädchen schlägt immer wieder mit einer Wasserpistole auf ein sterbendes Rind ein, tritt auch drauf.
Ein Mädchen schlägt immer wieder mit einer Wasserpistole auf ein sterbendes Rind ein, tritt auch drauf. © Soko Tierschutz © Soko Tierschutz

Hallo, Frau Angenendt, was haben Sie gedacht, als Sie die Aufnahmen mit den Kindern sahen?

Wenn man es ganz genau nimmt, zeigen diese Bilder einen schweren seelischen Missbrauch.

Wieso das?

Die Aufgabe von Eltern ist es, ihre Kinder vor körperlicher und psychischer Gewalt zu schützen. Hier ist genau das Gegenteil zu sehen. Der Mann übt exzessive Gewalt an Lebewesen aus und fordert zum Mitmachen auf.

Was meinen Sie damit?

Kinder wollen ihren Eltern gefallen. Ein Vater, dem das Kind gefallen will, zeigt ihm dann solche Gewalt. Und das Kind übernimmt das, obwohl es vielleicht tief im Inneren weiß, dass das nicht richtig ist.

Das heißt, die Kinder stecken in einem tiefen seelischen Konflikt?

Ja. Das Drama ist, dass die Kinder, zumindest die jüngeren, sich nicht dagegen wehren können. Das ist an dieser Stelle der seelische Missbrauch.

Offensichtlich sind diese Gewalt-Exzesse vor Kinderaugen nicht nur einmal gewesen?

Das sieht man auch daran, wie die Kinder reagieren. Sie stehen hinter dem Gatter und schauen zu. Sie reagieren nicht so wie Kinder, die das zum ersten Mal sehen, mit Weinen, Entsetzen oder Weglaufen. Der mittlere Junge in einer Szene hatte schon einen Schlagstock dabei.

Psychologin Dr. Gabriele Angenendt fürchtet schwere Folgen für die Kinder nach den Gewalt-Exzessen an den Tieren, die sie erleben mussten und zu denen sie animiert wurden.
Psychologin Dr. Gabriele Angenendt fürchtet schwere Folgen für die Kinder nach den Gewalt-Exzessen an den Tieren, die sie erleben mussten und zu denen sie animiert wurden. © Angenendt © Angenendt

Was bedeutet das?

Dass er das schon häufiger gesehen hat und schon abgestumpft gegenüber Gewalt gegen Lebewesen ist. Mein erste Gedanke war: Da steht die nächste Generation von Tierquälern. Kinder machen von klein auf eine moralische Entwicklung durch. Meist sind die Eltern die Vorbilder für das, was gut oder was schlecht ist. Wenn Kinder mit so etwas aufwachsen, dann werden sie im Zweifel später selbst zum Täter, schlimmstenfalls zu Sadisten. Sie sehen ja von klein auf, wie mächtig man sein kann, wenn man Gewalt anwendet.

Hätte das nicht irgendwie auffallen müssen?

Das ist es ja, was mich irritiert. Kinder erzählen von solchen Erfahrungen, entweder bei ihren Kumpel oder in der Schule. Kinder, die so aufwachsen, sind auch nicht unauffällig in ihrem Verhalten. Komisch ist doch, dass keiner reagiert hat. Es ist wie so oft: Alle halten den Mund aus Angst, etwas Falsches zu sagen. Aber die Kinder brauchen wenigstens einen Menschen außerhalb des gewalttätigen Systems, dem sie sich anvertrauen können. Nur so können sie aus diesem seelischen Konflikt einigermaßen heil herauskommen.

Was sollte ich Ihrer Meinung nach tun, wenn ich von solchen Vorgängen höre?

Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass man anonym einen Beratungstermin beim Jugendamt ausmachen kann. Da bekommt man dann Rat, ohne dass man die Identität der Personen preisgeben muss oder man selbst genannt wird.

Was kann man in diesem Fall auf der Viehsammelstelle tun?

Hier ist das Kindeswohl massiv geschädigt und gefährdet worden. Der erste Schritt wäre, mit den Eltern ins Gespräch zu kommen. Elterneinsicht wäre der beste Fall.

Wie beurteilen Sie die Erfolgsaussichten?

Der Vater scheint seine Aggressionen nicht unter Kontrolle zu haben. Er ist wohl auch nicht ausnahmsweise mal in einer Situation aggressiv gewesen und er hat offenbar kein Unrechtsbewusstsein.

Wenn es also keine Elterneinsicht gibt, was dann? Die Kinder den Eltern wegnehmen?

Dann muss eine Instanz eine Rolle spielen, die die weitere Entwicklung der Kinder im Blick hat. So etwas wie Familienhilfe. Es muss eine therapeutische Begleitung der Kinder geben und engmaschige Gespräche mit den Eltern. Ich glaube allerdings, nachdem was ich gesehen habe, dass die Eltern – zumindest der Vater – weit von einer Einsichtsfähigkeit entfernt sind.

Was könnte man noch tun?

Die Schule muss mit einbezogen werden und die Kinder im Blick haben. Wer solche Gewalt gegen Lebewesen regelmäßig erlebt, der ist in der Regel im Verhalten auffällig. Kinder sind vom Grundsatz her gegenüber Tieren freundlich und positiv eingestellt. Was der Vater mit ihnen gemacht hat, scheint mir eine seelische Vergewaltigung in diesem Punkt zu sein.

Sollte man Kinder eigentlich grundsätzlich von Themen wie Tod bei Tieren, Schlachten, etc. fernhalten?

Nein, man müsste sie in geeigneter Weise und altersgerecht an diese Themen heranführen und ihnen klar machen, dass das Schnitzel, das sie essen, nicht aus der Kühltruhe stammt, sondern von einem lebenden Wesen. Das Thema Schlachten müsste man Kindern gegenüber besser vermitteln und es aus der Grauzone herausholen.

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Redaktion Werne
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Jörg Heckenkamp

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