Ab Mai füllt er die großen Hallen, aktuell probt er in Werne. Der heimatlose Künstler Schiller spricht im Interview über seine Zeit in der Lippestadt und die panische Angst vor der Bühne.

Werne

, 20.02.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Christopher von Deylen alias Schiller probt für seine „Es werde Licht“-Tour 2019 in Werne. Ab Mai füllt er die großen Hallen – auch in Nordrhein-Westfalen.

Bist du das erste Mal in Werne?

Tatsächlich fällt es mir schwer, die einzelnen Besuche zusammenzurechnen. Ich bin seit 2008 – seit über zehn Jahren – mindestens einmal im Jahr hier. Und das sehr gerne. Es gibt Kollegen, die sagen: Was willst du denn da? Aber genau das, was vielleicht für viele ein Grund ist, die ländliche Region zu meiden, finde ich großartig. Die Ruhe, die man hier hat, ermöglicht eine immense Konzentration.

Christopher von Deylen ist ein deutscher Musiker, Musikproduzent und Komponist. Er ist Mitbegründer und Leiter des Musikprojekts Schiller.

Du bist fast drei Wochen am Stück in Werne. Pferchst du dich in dieser Zeit ein?

Der Tagesablauf ist meist der gleiche. Mein Schlagzeuger Gary Wallis und ich treffen uns um 8 Uhr morgens vor unserer Unterkunft in Lünen. Wir fahren nach Werne, haben zwei bis drei Stunden für uns, weil wir beide ein sehr aufwendiges Set-up haben. Gegen 11 Uhr kommen die anderen Musiker und die Stücke werden neu erarbeitet.

Das ist weniger das reine Üben von Akkorden oder von Harmonien. Es ist das gemeinsame Umentwickeln von dem, was auf der Platte zu hören ist. Ich möchte auf Tour etwas präsentieren, was live klingt und live ist – und nicht einfach nur laut die CD nachspielen.

Und abends ziehst du noch durch Lünens Kneipen?

An einem Abend gab es den kläglichen Versuch, an der Hotelbar länger als eine Stunde auszuharren. Wir haben uns dann gegenseitig die Absolution erteilt, schlafen zu gehen. (lacht)

Was vielleicht auch besser so ist?

Na ja, das sind dann täglich immerhin zwölf Stunden, in denen es praktisch keinen Leerlauf gibt. Das ist permanente Konzentration. Das hat auch etwas Körperliches, weil man angespannt und auch der Kopf immer in Bewegung ist. In dieser Zeit ist man sowieso schon lange nicht mehr gesellschaftsfähig, Kontakt zu Freunden und Familie gibt es kaum.

Wir erleben die Zeit hier in Werne so ein bisschen, wie auf einem anderen Planeten. Das, was draußen passiert, nimmt man kaum wahr, weswegen es hier wiederum so schön ist. In Berlin zum Beispiel müsste man gewissen Versuchungen widerstehen. Das muss ich hier in Werne nicht.

Du hast in Berlin gelebt, hast dann 2014 deine Wohnung verlassen, bist seitdem sozusagen „heimatlos“. Wie sehr vermisst du es zwischendurch, kein typisches Zuhause zu haben?

Das vermisse ich bisher gar nicht. Das Heimatlose hilft mir sehr, im Hier und Jetzt zu sein. Ich bin ohnehin viel unterwegs – im Studio, auf Tour. Wenn ich mich dann nicht fragen muss, ob die Blumen zu Hause gegossen werden, hilft das, im Moment zu sein.

Wäre es nicht manchmal schön, ein festes Studio zu haben? Einen Ort, an dem ich weiß, da gehe ich hin, da ist das Equipment angeschlossen. Ich muss es nur einschalten und kann loslegen.

Während der Arbeiten an „Morgenstund“ hat sich dieser Gedanke tatsächlich eingeschlichen, ohne dass es ein konkreter Plan gewesen wäre. Ich habe für das Album fast ausschließlich in analogen Tonstudios gearbeitet, von denen es gar nicht mehr so viele gibt, wie man glaubt.

Hat sich das Musikmachen in eine andere Richtung entwickelt?

Durch die technische Entwicklung ist es heutzutage so, dass man im Café oder im Zug den Laptop aufklappen und damit Musik machen kann – Musik, für die man sich nicht schämen muss, was die technische Durchführung angeht. Was dabei verloren gegangen ist, ist der Ort des Studios als Atelier, als Arbeitsstätte, als Werkstatt. Den Laptop kann ich schnell zuklappen und sagen: Dann mache ich halt morgen weiter. Das erzeugt die Illusion davon, dass man flexibel arbeiten kann.

„Morgenstund“ ist das neue Album von Schiller. Es erscheint am 22. März 2019. Ab Mai geht er damit auf große „Es werde Licht“-Deutschland-Tour. Die Termine in NRW:
  • 12. Mai Bielefeld, Seidensticker Halle
  • 17. Mai Köln, Lanxess-Arena
  • 18. Mai Oberhausen, König-Pilsener-Arena

Wenn ich mich aber in einem Studio aufhalte, habe ich – wenn es nicht das eigene ist – einen gewissen zeitlichen Druck. Garry und ich waren im Genesis-Tonstudio „The Farm“ bei London, da hatten wir drei Tage. Und dieser zeitliche Druck führt dazu, dass ich Entscheidungen treffen muss. Das ist manchmal anstrengend, macht das Komponieren, das Kreativsein aber intensiver, obwohl es erst einmal eine Beschränkung ist.

Im Umkehrschluss würde ich sagen: Nur weil man überall auf der Welt mit einem Laptop Musik machen kann, ist das Ergebnis nicht unbedingt kreativer. Nur weil es Milliarden Smartphones mit Kamera auf der Welt gibt, wird es dadurch nicht viel mehr bessere Fotos geben oder gar Fotos für die Ewigkeit. Für das neue Album habe ich sehr viel Zeit verbracht in großen, fast schon altmodischen Tonstudios. Und ich habe es sehr genossen.

Bist du DJ?

Ich sehe mich weniger als DJ. Ich glaube, ich bin eher Musiker, eher Bandmitglied. Der DJ erfüllt eine Rolle, die mir nicht läge. Dieser Elektronikkosmos um mich herum ist für mich auch ein Rückzugsort. Ich stehe zwar auf der Bühne, aber gleichzeitig fühle ich mich ein bisschen geschützt.

An die Bühnenvorderkante zöge es mich nicht unbedingt. Dafür habe ich auch gar keine Zeit. Auf der „Klangwelten“-Tour spielten wir ein Stück – „Polarstern“ – immer nach etwa eineinhalb Stunden. Das war auf den Konzerten tatsächlich das erste Stück, bei dem ich Zeit hatte, mal aufzuschauen und zu gucken, ob überhaupt jemand da ist. (lacht)

Gibt es Vorurteile gegenüber der Machart elektronischer Musik?

Generell gibt es die Denkweise, dass man nur ein paar Knöpfe drückt und der Rest macht der Computer. Wenn aber jemand in „Word“ schreibt, würde man ja auch nicht auf die Idee kommen zu sagen: Das schreibst du doch gar nicht selber, das macht ja das Programm.

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Schiller probt in Werne

Die Schreibmaschine zum Beispiel hat etwas Archaisches – viel mehr als der Computer oder das iPad. Ähnlich ist es mit der Gitarre. Ich muss gar nicht gut spielen, das Bild reicht oftmals aus, um eine gewisse Wirkung zu erzielen. Wohingegen jemand, der an einem Synthesizer oder einem elektronischen Modular-System steht, eine andere Wirkung erzielt, als jemand, der breitbeinig mit der Gitarre auf der Bühne steht.

Wie ist das Gefühl, auf die Bühne zu gehen?

Das ist eine Mischung aus panischer Angst und Größenwahn und hinterher dem Gefühl, das sofort noch mal machen zu wollen.

Ist es nach all den Jahren immer noch eine Überwindung?

Nicht im Sinne traumatisierter Angst, aber ich kann mich an kein einziges Konzert erinnern – egal in welchem Land oder in welcher Umgebung oder Größenordnung –, bei dem ich nicht schon um 19 oder 19.30 Uhr mit Herzklopfen irgendwo kauerte.

Ein freier Tag auf Tour stellt für mich eine mittlere Katastrophe dar, weil man gar nicht weiß, was man machen soll. Gegen 20 Uhr abends, auch wenn kein Konzert ansteht, wird der Herzschlag spürbar. Weil man auf Tour und an den einzelnen Konzerttagen so eine emotionale Programmierung erfahren hat.

Das Musikprojekt Schiller existiert 2019 seit 20 Jahren. Was macht die Musik über einen so langen Zeitraum erfolgreich?

Das weiß ich bis heute nicht. Ich habe das Gefühl, dass es nicht gut wäre, wenn man anfangen würde, Musik zu machen, um erfolgreich zu sein. Ich versuche alles, was bisher geschah, in dem Moment zu vergessen, wo es geschehen ist. Rastlosigkeit und Neugier sind für mich nur positiv konnotiert.

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Ich kenne viele Menschen, die nichts anderes machen, als sich und ihr Werk toll zu finden – gerade auch das der Vergangenheit. Und dann sitzen sie auf ihrer virtuellen Veranda und erzählen von früher. Der Drang, sich immer neu zu erfinden, ist bei mir tief verankert, auch wenn ich natürlich immer wieder auf den gleichen Sound komme – das bin ja alles ich. Aber es gibt immer wieder kleine Facetten, die neu hinzukommen.

Hast du es geschafft, wirkliche Fans an dich zu binden? Deine Musik ist ja auch sehr speziell.

Ich glaube schon, dass es eine sehr loyale Zuhörerschaft gibt.

Die Konzerte sind in der Regel bestuhlt, die Leute gehen langsam mit, haben zum Teil die Augen geschlossen. Hat deine Musik etwas Meditatives?

Ich würde mich freuen, wenn es so wäre. Die Musik ist schon ein Rückzugsort. Auch wenn man in einer größeren Halle spielt, kann jeder Zuschauer die Musik auf sich beziehen. Vielleicht klappt das auch deshalb, weil auf der Bühne keine Musiker stehen, die permanent um menschliche Aufmerksamkeit buhlen.

Bei deinem neuen Album ist Nena mit an Bord. Wie war die Zusammenarbeit?

Sie ist eine ganz besondere Künstlerin. Sie könnte ja auch immer noch mit einem

Rolling-Stones-T-Shirt rumlaufen, „Nur geträumt“ singen und sagen: Ich bin’s doch, eure Nena. Nein! Sie hat sich mehrfach neu erfunden, was sicherlich nicht immer einfach, ihr aber wichtig war. Das finde ich ungeheuer respektabel. Sich komplett als Künstlerin zu begreifen, das ist neben ihrer Stimme und auch ihrer Stimmung, die sie mit hineingebracht hat, faszinierend.

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