Elektromusiker „Schiller“ verschanzt sich für Tourproben in Werne

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Christopher von Deylen, Mitbegründer des Musikprojekts „Schiller“, probt derzeit in den Räumen von satis&fy im Baaken. Im Video gibt er einen Einblick in sein neues Album „Morgenstund“.

Werne

, 06.02.2019, 18:54 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es ist ein seltener Einblick, den wir am Mittwoch (6. Februar) in die Probenräume von satis&fy im Baaken bekommen. Wochenlang verschanzen sich Künstler hier, bereiten sich auf Tourneen vor, wollen sich nicht ablenken lassen von der Hektik der Großstadt. Der Eventdienstleister hält sich stets bedeckt mit Auskünften über Künstler, Musiker, Interpreten – Anfragen laufen ins Leere.

Einer, der uns einlädt in die abgedunkelten Räume im Baaken, ist der deutsche Musiker, Musikproduzent und Komponist Christopher von Deylen – besser bekannt unter dem Namen „Schiller“. Dem Mitbegründer und Leiter des Musikprojekts – benannt nach dem deutschen Dichter Friedrich Schiller – gelang 2001 mit dem Album „Weltreise“ der Durchbruch. „Das Glockenspiel“ ist sein wohl bekanntester Hit. Am Mittwoch spielt von Deylen ihn nicht.

Christopher von Deylen ist Mitbegründer des Musikprojekts „Schiller“.

Christopher von Deylen ist Mitbegründer des Musikprojekts „Schiller“. © Vanessa Trinkwald

„Seit 2008 – seit über zehn Jahren – bin ich mindestens einmal im Jahr hier“, erzählt der 48-Jährige, nachdem er sein Set verlassen und zwei Räume weiter Platz genommen hat – schwarze Hose, schwarzes T-Shirt, die Farbe am Gestell seiner Brille schon etwas abgesplittert.

„Ich bin sehr gerne hier“, sagt er. „Es ist schön, in einer ruhigen Umgebung zu proben. Es gibt Kollegen, die fragen: Was willst du denn da? Aber genau das, was für viele vielleicht ein Grund ist, die ländliche Region zu meiden, finde ich großartig. Die Ruhe, die man hier hat, ermöglicht eine immense Konzentration.“

Abends geht es in die Nachbarstadt Lünen

Seit zehn Tagen probt der Elektro-Musiker in Werne, fährt von seinem Hotel in Lünen jeden Tag rüber in das Gewerbegebiet, vorbei an Amazon und dem alten Ikea-Gebäude. Was er von Werne sieht, ist nicht viel, der Tagesablauf ist stets derselbe. Durchgeplant.

„Wir machen das, was ihr hier seht – die Stücke neu erarbeiten“, sagt von Deylen. „Das ist weniger das reine Üben von Akkorden oder von Harmonien. Es ist das gemeinsame Umentwickeln von dem, was auf der Platte zu hören ist.“

Seine neue Platte – „Morgenstund“ – erscheint erst im März 2019, das Lied „Dreamcatcher“ spielt er am Mittwoch exklusiv. Als draußen die Lkw durch das Gewerbegebiet fahren, dringt drinnen der fast meditative Sound bis an die hohe Decke.

Video
Schiller probt in Werne

In der Lippestadt probt er für seine Deutschland-Tour „Es werde Licht“. Sie startet am 8. Mai 2019 in Dresden, am 18. Mai spielt er in der König-Pilsener-Arena in Oberhausen – Schiller füllt die großen Arenen. „Wir möchten im Mai etwas präsentieren, was live klingt und auch live gespielt ist – und nicht einfach nur die CD in laut nachspielen“, sagt der Komponist. Das zu planen, „geschieht gerade hier in Werne“.

Später am Tag geht es für ihn und seine Musikerkollegen – von Deylen mimt weniger den DJ, sondern ist auf der Bühne Teil eines großen Arrangements aus verschiedenen Instrumenten wie Keyboard, aber auch Schlagzeug und Bass – stets zurück in die Nachbarstadt Lünen. „An einem Abend gab es den kläglichen Versuch, an der Hotelbar länger als eine Stunde auszuharren“, sagt er und lacht. „Wir haben uns dann gegenseitig die Absolution erteilt, schlafen zu gehen.“

Leben „wie auf einem anderen Planeten“

In Werne erlebt der Künstler die permanente Konzentration, die permanente positive Anspannung. In Werne ist er fast drei Wochen am Stück – „gesellschaftsfähig ist man da sowieso nicht mehr“. Kontakt zu Freunden und Familie habe er in dieser Zeit kaum. Das Leben in Werne, das ständige Arbeiten sei in dieser Zeit „so ein bisschen, wie auf einem anderen Planeten“, sagt er.

„Das, was draußen passiert, nimmt man kaum wahr; weswegen es wiederum hier so schön ist, weil es draußen auch kaum Ablenkung gibt. Und das finde ich super.“ In Großstädten wie Berlin gäbe es vielleicht Versuchungen, denen man widerstehen muss. „Das muss man hier in Werne nicht.“

Sängerinnen stimmen „Dreamcatcher“ an

Später an diesem Nachmittag steht Christopher von Deylen wieder an seinen Reglern, die beiden Sängerinnen stimmen „Dreamcatcher“ an und die Musik verdichtet sich in dem abgeschirmten Raum. Ein bisschen wie in einem Kokon, ein bisschen vielleicht selbst wie in einem Traum.

Wenn „Schiller“ in weniger als zwei Wochen wieder abreist, weiß er, dass er zurückkommen wird. Ein eigenes Zuhause hat der 48-Jährige nicht. „Ich bin selbst gewählt heimatlos“, sagte er einst in einem Interview.

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