Annika Wenge ist Mutter einer Tochter, die von den Quarantänemaßnahmen an der Uhlandschule betroffen ist. Sie meint, es sei an der Zeit, „das Restrisiko einzugehen." © privat
Coronavirus in Werne

Schüler in Quarantäne – „Wie soll ich das meinem Kind erklären?”

Gut zwei Wochen nach Schulstart befinden sich rund 30.000 Schülerinnen und Schüler in NRW in Quarantäne. Für Eltern und Kindern eine belastende Situation, wie eine betroffene Mutter berichtet.

Insgesamt befinden sich derzeit 93 Schülerinnen und Schüler von Werner Schulen in Quarantäne. Besonders betroffen mit 67 Kindern ist die Uhlandschule. An der Grundschule wurden zwei Kinder positiv getestet, eines davon im zweiten Jahrgang. Betroffen davon ist auch die siebenjährige Tochter von Annika Wenge (40).

Ihre Tochter sei zwar nicht in der gleichen Klasse, besuche aber die OGS, in der auch das betroffene Kind betreut wurde. Deshalb muss sie jetzt 14 Tage in Quarantäne. „Als ‘Schutzmaßnahme’, ‘Frei-Testen’ ist auch durch ein negatives Ergebnis beim offiziellen ‘Herdentesten’ durch das Gesundheitsamt nicht möglich”, so Wenge.

Mittlerweile liegen die Ergebnisse der Testungen von Montag (30. August) vor. „Alle waren negativ”, so Kreispressesprecher Max Rolke. Das verkürzt die Quarantäne allerdings nicht. „Rückreisende aus Risikogebieten können sich nach fünf Tagen ‚frei testen‘ – und unsere Kinder werden eingesperrt”, ärgert sich Annika Wenge.

Kreis: Unterschiedliche Voraussetzungen bei Schülern und Reisenden

Doch woran liegt das? „Hier liegen ganz andere Voraussetzungen vor”, so Rolke. Reiserückkehrer müssen aufgrund der Einreiseverordnung in Quarantäne. Die Quarantäne an den Schulen werde auf Grundlage der Corona-Test-und -quarantäneverordnung ausgesprochen. Bei den Reiserückkehrern handele es sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme, hier gebe es keinen nachgewiesenen Kontakt. Bei den Schülern sei das Risiko aufgrund des Kontaktes zu einer infizierten Person ungleich höher, erklärt Rolke.

Wenge beschreibt die Situation folgendermaßen: „Die Kinder haben in ihrem Jahrgang zusammen gegessen, zwar an Klassen-Tischen und mit festen Sitzplätzen (zwischen den Tischen ist laut meiner Tochter sehr viel Platz), aber dabei natürlich keine Maske getragen.” Abseits der Tische hätten die Kinder immer Maske getragen. Zum Thema Kontaktperson meint Wenge: „Meine Tochter kennt das betroffene Kind noch nicht mal.”

Wenge: „Wie soll ich das meinem Kind erklären?”

Die alleinerziehende Mutter fragt: „Ist das der Weg, mit dem Schulschließungen verhindert werden sollen?” Laut Bildungsministerium sollen eigentlich nur die direkten Sitznachbarn in Quarantäne kommen. „Warum trifft man nun so eine Entscheidung? Und noch wichtiger: Wenn ich das schon nicht verstehe, wie soll ich dann meinem Kind erklären, warum es die nächsten 14 Tage zu Hause bleiben muss und nicht am Alltagsleben teilnehmen darf?”

Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass die Kinder in der OGS direkten Kontakt miteinander gehabt hätten, erklärt Volker Meier, Pressesprecher des Kreises Unna. Deswegen mussten in diesem Fall alles Kontaktpersonen in Quarantäne. Das Gesundheitsamt würde immer Einzelfallprüfungen durchführen.

Annika Wenge hat kein Verständnis für die Quarantäne-Maßnahmen: „Wer schützt unsere Kinder? Sie sind doch seit eineinhalb Jahren die Leidtragenden. Aber wofür? Wer muss geschützt werden? Alle, die sich impfen lassen wollen, haben die Möglichkeit gehabt. Wer nicht will, trägt selbst das Risiko. Es darf doch nicht sein, dass unsere Kinder deswegen weggesperrt werden.” Zudem würden die Kinder der OGS (2. Jahrgang) sogar doppelt bestraft, denn der Unterricht für die anderen Schüler laufe ja ganz normal weiter.

Betreuungsproblem für Eltern

Hinzu komme das Betreuungsproblem: „Meine Tochter und die anderen Kinder in der OGS gehen deswegen dort hin, weil die Eltern einen Betreuungsengpass haben. Wenn jetzt immer alle 60 Schüler der OGS-Gruppe in Quarantäne müssen, sobald ein Fall bekannt wird, werden unsere Kinder mehr Zeit in Quarantäne verbringen, als sie sich frei bewegen dürfen. Und: Für berufstätige Eltern und alleinerziehende Elternteile ist das kaum machbar, ganz zu schweigen davon, eventuell auch noch Geschwisterkindern gerecht werden zu wollen.”

Nach mehr als eineinhalb Jahren Pandemie gebe es für die Schulen offenbar noch immer keine Unterstützung, um ein vernünftiges Schutzkonzept zum Wohl der Kinder bereitstellen zu können, so die 40-Jährige. „Es gibt Unternehmen, die Ihre Mitarbeiter zum Beispiel durch Luftfilteranlagen und Plexiglas-Trennwände besser schützen, aber unsere Kinder werden einfach nach Hause geschickt.”

Wenge fragt sich: Warum liegt die Länge der Quarantäne für Kinder immer noch bei 14 Tagen? Immerhin in diesem Punkt deutet sich eine Bewegung seitens der Politik an. NRW Schulministerin Yvonne Gebauer forderte am Mittwoch (1.9.), dass künftig nur noch nachweislich mit Corona infizierte Schüler in häusliche Quarantäne müssen. Die Gesundheitsminister der Länder würden bis zum kommenden Montag Vorschläge für eine bundesweit möglichst einheitliche Quarantäne-Regelungen unterbreiten.

Das hilft der Tochter von Annika Wenge derzeit allerdings nicht. „Ich sehe an meiner Tochter, was das alles anrichtet! Sie versteht nicht, warum ihr Bruder raus darf, aber sie nicht – der isst nämlich auch ohne Maske und zwar direkt neben ihr! Und sie versteht auch nicht wirklich, warum sie jetzt doch nicht zum ersten Mal zum Keyboard-Unterricht darf. Tanzen, Sport machen – alles fällt für uns flach, was gerade erst wieder begonnen hat. Kein sozialer Kontakt erlaubt.”

Die alleinerziehende Mutter betont, dass sie der Schule oder der OGS keinen Vorwurf mache, diese würden ihrer Meinung nach alles in ihrer Macht stehende tun. Wenge findet, „es ist jetzt an der Zeit, das Restrisiko einzugehen, um den Kindern ein normales Leben zu ermöglichen. Die psychische Belastung der Kinder ist ein ebenso ernst zu nehmendes Risiko für ihre Gesundheit.”

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