Vor 68 Jahren wäre Sim-Jü schon einmal fast geplatzt: Doch dann kam die Entwarnung

mlzCorona weckt Kirmeserinnerung

Die aktuelle Corona-Lage erinnert Rainer Schulz an seine Kindertage. Der Werner Junge war gerade acht Jahre alt, als die Gefahr der Kinderlähmung das Werner Volksfest Sim-Jü gefährdete.

Werne

, 13.05.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Polio-Epidemie führte dazu, dass ab Mitte August 1952 sämtliche Volksfeste im Ruhrgebiet und Münsterland abgesagt wurden, erzählt Rainer Schulz (75) im Gespräch mit unserer Redaktion. „Die Verordnung galt bis 31. Oktober.“ Diesen Erlass entdeckte er jetzt in alten Aufzeichnungen wieder. „Die Kirmes war für uns Kinder das Höchste. Mit dem Wort Polio konnten wir nichts anfangen, aber dass die Kirmes nicht stattfinden sollte, das schmerzte.“

Die Jubiläumskirmes, 1952 blickte die Tradition auf 590 Jahre zurück, war für die Zeit vom 26. bis 28. Oktober terminiert. Damals begann das Fest erst am Sonntag.

Gefahr war wenige Tage vor Sim-Jü gebannt

Wenige Wochen vor dem 26. Oktober sollte sich die Lage wider Erwarten entspannen. „Die Gefahr, dass das Volksfest Sim-Jü ebenso wie viele Veranstaltungen der letzten Zeit ein Opfer der Kinderlähmung werden würde, ist beseitigt. Die in der Polizeiverordnung zum Schutze gegen die Kinderlähmung enthaltenden einschränkenden Bestimmungen werden aufgehoben“, zitiert Schulz aus einem Zeitungsartikel. Sim-Jü stand nichts mehr im Wege, freute sich der damals Achtjährige.

In der Stadtverwaltung liefen nun die Vorbereitungen auf Hochtouren. Trotz des Risikos der Absage hatte der damalige Ordnungsamtsleiter August Veltmann vorausschauend die notwendigen Vorbereitungen bereits getroffen. „Dank dieser Umsicht kann die Organisation in verhältnismäßig kurzer Zeit restlos bewältigt und Sim-Jü mit Landmaschinenmarkt, Gewerbeschau und Viehmarkt im vollen Umfang abgehalten werden“, schrieben die Zeitungen damals.

Für die Werbekampagne fehlte es zwar an Prospekten, aber in Windeseile ließ das „Verkehrsamt Werne an der Lippe“ 10.000 Werbezettel, die sogenannte „Sim-Jü-Post“, drucken und an die Haushalte verteilen. Zusätzlich hängten die Mitarbeiter 1000 Plakate im Umkreis von 25 Kilometern auf.

Auf Polio-Epidemie folgte Maul- und Klauenseuche

Die Ironie des Schicksals sollte der Kirmes dann doch einen Wermutstropfen aufsetzen: Ende Oktober war zwar die Polio-Epidemie eingedämmt, doch dann folgte die Maul- und Klauenseuche. Den Viehhändlern war es untersagt, ihre Schweine und Rinder auf dem Viehmarkt zu präsentieren, verfügte das Veterinäramt damals.

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Im Jahr 2020 macht nun die Corona-Lage den Schaustellern zu schaffen. Einige Volksfeste mussten bereits abgesagt werden. Sim-Jü ebenfalls zu opfern und schon jetzt abzusagen, davon hält das langjährigste Mitglied des Sim-Jü-Arbeitskreises nichts. „Bis zum Start des Werner Volksfestes sind es noch fünfeinhalb Monate“, rechnet Schulz vor.

Solange es keine offiziellen Anweisungen gibt, sollten die Veranstalter an ihren Planungen für das Fest im Spätjahr weiterarbeiten, so Schulz. Denn bekanntlich sterbe die Hoffnung zuletzt.

Die Polio-Epidemie

Die spinale Kinderlähmung (Poliomyelitis anterior acuta), wie diese Krankheit auch genannt wurde, ist eine akut auftretende Viruserkrankung. Wie es aus einer Aufzeichnung des Bundesverbandes Poliomyelitis e.V. hervorgeht, hat es in Deutschland viele kleinere und große Epidemien gegeben. Die letzte große 1952/53 mit über 15.000 gemeldeten (Lähmungs-)Fällen
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