So erlebte die Jüdin Hannelore Adler (95) die Pogromnacht in Werne

mlzNovember 1938

In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 erlebt die Jüdin Hannelore Adler in Werne schreckliche Dinge. Heute ist sie 95 Jahre alt. Und vergessen, so sagt sie, wird sie diese Dinge nie.

Werne

, 09.11.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Das, was sich in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Werne abspielte, wird Hannelore Adler in ihrem Leben nicht mehr vergessen. Die mittlerweile 95-Jährige flüchtete 1940 in die USA, wohnt dort auch heute noch und erfreut sich - wie sie auf Anfrage unserer Redaktion ausrichten lässt - „guter Gesundheit“. Aber sie hat auch eine traurige Nachricht: Ihre ein Jahr ältere Schwester Julie sei kürzlich verstorben. Diese habe bis zu ihrem Tod besonders stark unter dem gelitten, was ihr als Jüdin einst widerfuhr.

Im November 1938 zählt die kleine Stadt Werne insgesamt 40 jüdische Einwohner. Dazu gehören auch Hannelore und Julie, die damals noch den Familiennamen Heimann tragen. In besagter Nacht steht den beiden Mädchen in ihrem Wohnhaus an der Steinstraße 33 plötzlich ihr Vater gegenüber. Blutüberströmt und mit einer Thora-Rolle in der Hand fordert Albert Heimann, weltlicher Leiter der jüdischen Gemeinde, seine Familie dazu auf, in den Garten zu fliehen.

Ein Mob aus 100 Menschen wütet in der Pogromnacht in Werne

Der Grund: Ein Mob aus rund 100 Menschen unternimmt - teils angestachelt von Mitgliedern der SS - eine regelrechte Hetzjagd auf die Werner Juden. In der Pogromnacht entlädt sich der von Fanatismus und antisemitischer Propaganda geschürte Hass auch in den Straßen der Lippestadt in Form von brutaler Gewalt. Geschäfte und Häuser werden verwüstet, Menschen beleidigt, bespuckt und schwer misshandelt.

Auch im Haus der Heimanns haben die Täter kurz vor Alberts Eintreffen bereits gewütet, Möbel demoliert und Familienfotos verbrannt. Nachdem er an seine Liebsten appelliert hat, sich vor einem möglichen weiteren „Besuch“ der Meute in Sicherheit zu bringen, begibt sich Albert Heimann zu einer befreundeten Werner Familie, um seine Wunden behandeln zu lassen. Anschließend sucht er das Krankenhaus auf.

1986 kehrte Hannelore Adler gemeinsam mit ihrem Mann Howard auf Einladung der damaligen Museumsleiterin Heidelore Fertig-Möller (r.) nach Werne zurück.

1986 kehrte Hannelore Adler gemeinsam mit ihrem Mann Howard auf Einladung der damaligen Museumsleiterin Heidelore Fertig-Möller (r.) nach Werne zurück. © Archiv Fertig-Möller

Seine Tochter Hannelore berichtet viele Jahre später in einem Brief von den schrecklichen Ereignissen in jener Nacht: „Alle jüdischen Männer wurden aus ihren Häusern gezerrt, zum Marktplatz gebracht und dort misshandelt. Einer wurde vom Dach gestoßen, einem anderen das Auge ausgeschlagen. Dann ging es zur Synagoge, wo ihnen befohlen wurde, die heilige Thora-Rolle zu bespucken und zu zertreten.“ Ihr Vater habe sich diesen Anweisungen widersetzt - genauso wie die anderen jüdischen Männer. Trotz der Prügel, die sie einstecken mussten.

Was ihnen in den folgenden Jahren noch widerfahren sollte, das ahnen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wohl nur die wenigsten. Neben der Familie Heimann gelingt lediglich noch der Familie Kaufmann sowie Leo Marcus und Heinrich Salomon die Flucht ins Ausland. Am Kriegsende zählen 27 Werner Juden zu den Opfern des Holocaust.

Fast 40 Jahre später kehrt Hannelore Adler nach Werne zurück

Anni Marcus kehrt 1945 als einzige KZ-Überlebende nach Werne zurück. Vier Jahre später stirbt sie. Ein einziges Mal kehrt auch Hannelore Adler zurück in ihre alte Heimat - im Jahr 1986, gemeinsam mit ihrem inzwischen ebenfalls verstorbenen Mann Howard - und trägt sich ins Goldene Buch der Stadt ein. Dem Besuch vorausgegangen ist die Einladung der damaligen Museumsleiterin Heidelore Fertig-Möller, die fünf Jahre zuvor begonnen hat, für die Sonderausstellung „Juden in Werne“ die Holocaust-Überlebenden aus der Lippestadt zu kontaktieren. Seither ist der Kontakt zu Hannelore Adler nicht abgerissen.

Und Spuren des jüdischen Lebens in Werne gibt es heute auch abseits des Stadtmuseums noch. Wer sie sehen möchte, muss dazu noch nicht einmal zum jüdischen Friedhof gehen. Es genügt ein Blick auf den Boden beim Gang durch die Innenstadt. Ein Blick auf die vielen Stolpersteine, die an das Schicksal der Werner Juden erinnern. Einige davon liegen nahe des Hauses an der Steinstraße 33. Auf ihnen ist der Name Heimann zu lesen.

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