Unterlassene Sorgfalt? Familie holt Seniorin aus MiA-Pflegeeinrichtung

mlzPflege-Streit in Werne

Eine Werner Familie wirft der MiA-Pflegeeinrichtung unklare Rechnungen und das Unterlassen ihrer Sorgfaltspflicht vor. Auch der Ombudsmann des Kreises Unna hat Zweifel an der Pflegeeinrichtung.

Werne

, 19.05.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Es ist ein Streit, den Hendrik Heine und seine Familie seit Monaten beschäftigt: Unter der Voraussetzung, dass das Pflegeteam der 95 Jahre alten Anna Frey, die Großmutter seiner Frau, täglich aus den Altenwohnräumen im Obergeschoss der MiA-Pflegeeinrichtung in die Tagespflege im Untergeschoss hilft, hatte sich Hendrik Heine gemeinsam mit seiner Familie entschieden, Anna Frey dort unterzubringen. Doch kurz danach hätten die Probleme begonnen. Die Leitung der Pflegeeinrichtung selbst hüllt sich in Schweigen. Und will unserer Redaktion die Berichterstattung dann per Anwalt untersagen.

Gemeinsam kümmern sich Tochter Annette Kleff, ihr Mann Rolf und die Familie von Enkelin Alexandra Heine und ihrem Mann Hendrik um die Seniorin. Anna Frey ist blind, kann nur noch hell und dunkel erkennen und hat Parkinson. Auch das Gehen fällt der 95-Jährigen schwer.

Weil die Seniorin in ihrem eigenen Haus in Hamm zwei Mal in kürzester Zeit stürzte, hatten die Familien Ende vergangenen Jahres entschieden, dass die Seniorin in die Pflegeeinrichtung in Werne zieht.

„Uns wurde ausreichende Betreuung zugesichert“

Eine Bekannte der Familie, die zu dieser Zeit in der Werner MiA-Pflegeeinrichtung arbeitete, hatte die Familie zuvor über die Einrichtung informiert. Nach einzelnen Besuchen zur Eingewöhnung in der Tagespflegeeinrichtung im Untergeschoss, die die Familie dann bewusst dazubuchte, zog die Seniorin in das Obergeschoss der Einrichtung. Dort befinden sich Wohneinheiten für Senioren - eine weitere Leistung des Unternehmens.

„Uns wurde zugesichert, dass eine krankheitsangemessene, pflegerisch ausreichende Betreuung vorhanden ist - aus diesem Grund haben wir dem Einzug überhaupt erst zugestimmt“, sagt Hendrik Heine gegenüber unserer Redaktion. Eine Pflegekraft kümmerte sich morgens und abends um Anna Frey.

„Vor dem Einzug wurde uns zugesichert, dass sie aufgrund ihrer Sehbehinderung morgens von einer Betreuungskraft zum Besuch der Tagespflege im EG abgeholt und nachmittags wieder auf das Zimmer zurückgebracht wird – dies wurde anfänglich so umgesetzt“, so Heine weiter.

Anna Frey ist Ende März in eine neue Pflegeeinrichtung gezogen. Hier gehe es ihr laut Hendrik Heine derzeit sehr gut.

Anna Frey ist Ende März in eine neue Pflegeeinrichtung gezogen. Hier gehe es ihr laut Hendrik Heine derzeit sehr gut. © Heine

Aber nachdem laut Heine die Pflegedienstleiterin gekündigt hatte, hätten die Schwierigkeiten angefangen. Die Familie beschwerte sich über die Qualität des Essens bei der Einrichtung. Ein weiterer Streitpunkt: Die Leistungsnachweise seien Hendrik Heine zufolge nicht korrekt abgerechnet worden.

Strikte Trennung zwischen Tagespflege und Wohnbereich

Laut Heine hielten die Betreiber eine strikte Trennung zwischen gemieteten Zimmern und der Betreuung in der Tagespflege. „Im Gegenzug ist aber die Anmietung der Wohnung ohne eine Teilnahme an der Tagespflege nicht möglich beziehungsweise nicht gewünscht“, sagt Hendrik Heine. Schriftlich festgehalten sei dies allerdings nicht.

Würde die Wohnetage als Senioren-WG ausgewiesen, gälten laut Heine andere Konditionen. Eine derartige Einrichtung, bei der sich die Familie erkundigt hatte, hätte 1700 Euro monatlich für ein „Rundum-Sorglos-Paket“ genommen, inklusive 24-Stunden-Betreuung. Auch hier hätte die Pflegekasse ähnliche Leistungssätze erbracht wie in der MiA-Einrichtung, so Heine. Eine Rund-um-die-Uhr-Betreeung gibt es bei MiA nicht.

„Es ist erschreckend, dass sogar unsere Oma, deren Blindheit in der gesamten Einrichtung bekannt ist, Leistungsnachweise unterschreiben musste - sogar ihre Hand wurde von der Betreiberin hierfür geführt“, sagt Hendrik Heine. Diese sind für die Abrechnung mit der Pflegekasse nötig.

Weil sich die Fronten zwischen den Betreibern und den Familien derartig verhärtet hatten, schaltete die Familie auf Anraten der WTG-Behörde des Kreises Unna, früher auch als Heimaufsicht bekannt, Anfang März Norbert Zimmering als Ombudsmann des Kreises Unna ein.

Heine: Betreiber haben Frust an Anna Frey ausgelassen

Dieser Schritt habe laut Hendrik Heine für Unmut bei den Betreibern gesorgt. Diese hätten ihren Ärger an Anna Frey ausgelassen. „Die Begleitung vom Zimmer zur Tagespflege und zurück wurde plötzlich und unerwartet eingestellt – auf Nachfrage teilten die Betreiber mit, dass man dies nun als Serviceleistung ‚dazu buchen‘ müsse“, sagt Heine. Eine andere Seniorin, die selbst auf den Rollator angewiesen sei, habe Anna Frey bis dahin geholfen.

Auch an der frischen Luft sei die 95-Jährige von Dezember bis März nur zwei Mal gewesen, ansonsten nur mit der Familie, wenn diese sie besuchte. Laut Heine habe der Betreiber die Spaziergänge aus „versicherungstechnischen Gründen“ eingestellt. „Sie hatte in den letzten Wochen vor dem Auszug vermehrt Angst, hatte abgebaut und fühlte sich ausgegrenzt und unsicher“, so Hendrik Heine.

Kurz erklärt

Das ist die Aufgabe eines Ombudsmannes

  • Ombudsmänner versuchen im Streitfall, zwischen zwei Parteien zu vermitteln
  • Das können etwa Kunden und Banken, Versicherungen oder Bausparkassen sein, oder andere Institutionen wie Pflegeeinrichtungen
  • Ziel ist es, Auseinandersetzungen außergerichtlich und unbürokratisch zu klären
  • Norbert Zimmering arbeitet ehrenamtlich als unparteiischer Ombudsmann für den Kreis Unna im Bereich der Pflegeangelegenheiten
  • Themen dabei können sein: Art der Pflege, Betreuung, medizinische Versorgung, Unterkunft und Verpflegung, Verträge und Abrechnungen und Probleme mit Dienstleistern
  • Dabei ist die Ombudsperson allerdings nicht weisungsbefugt

Ombudsmann Norbert Zimmering empfindet das unvermittelte Einstellen des Hol- und Bringservices für Anna Frey als den gravierendsten Schritt. Denn dies sei überhaupt erst der Grund für die Familie gewesen, dem Einzug von Anna Frey in die MiA-Einrichtung zuzustimmen.

Und weil Anna Frey die Tagespflege bereits vor ihrem Einzug im Obergeschoss besucht habe, sei dem Pflegeteam ihr gesundheitlicher Zustand von Anfang an bekannt gewesen. „So ist leider ein wichtiger und nicht heilbarer Vertrauensverlust entstanden“, sagt Zimmering.

Der Ombudsmann hatte wegen des Vorwurfs der unklaren Leistungsabrechnungen noch einmal bei der WTG-Behörde angefragt, um was für eine Wohnform es sich bei der Einrichtung handele. Denn bei einer als Senioren-WG deklarierten Wohnform gälten andere Leistungssätze. Die Wohneinheiten der MiA-Einrichtung sind laut Heine und Zimmering nicht als Senioren-WG deklariert.

Eine Antwort sei Zimmering und der Familie durch die WTG-Behörde des Kreises versprochen worden, stehe bis heute allerdings aus. Auch von der Pflegekasse, auf die Zimmering auf Bitten der Familien zugegangen ist, habe es keine Informationen gegeben, die mehr Licht in den Sachverhalt gebracht hätten.

WTG-Behörde trifft keine Aussage zur Einrichtung

Die WTG-Behörde hatte der Familie Heine geraten, sich an einen Rechtsanwalt zu wenden, da man nicht zuständig sei, so Heine. Auch auf Anfrage unserer Redaktion teilt der Kreis Unna uns mit, dass es sich bei „MiA“ nicht um eine Einrichtung handle, die dem Wohn- und Teilhabegesetz und somit der Behörde unterliege, sondern diese eine Hausgemeinschaft mit privatrechtlichen Mietverträgen nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) sei.

Der WTG-Behörde unterstellt seien unter anderem stationäre Pflegeeinrichtungen oder Kurzzeit- und Tagespflegen, wozu die Kurzzeitpflege im Untergeschoss der MiA-Pflegeeinrichtung gehöre. Zwischen beiden Einrichtungen sei rechtlich zu trennen.

Und was sagt die WTG-Behörde zu dem Vorwurf, zur Nutzung des Wohnverhältnisses müsse zwingend die Tagespflege mitgebucht werden? „Das Mieten/Vermieten einer Wohnung ist Privatsache. Die WTG-Behörde prüft und kontrolliert zwar Tagespflege, Kurzzeitpflege oder auch Pflegeheime, nicht aber, ob zwischen Anbieter einer Tagespflege/Kurzzeitpflege und den Besuchern dieser Einrichtungen noch andere (private) Vertragsbeziehungen bestehen“, so Constanze Rauert, Sprecherin des Kreises Unna. Die Frage, ob es sich bei der MiA-Wohneinrichtung um eine Senioren-WG handelt oder nicht, wird uns auf unsere Anfrage nicht beantwortet.

„Sicherheit von Oma war nicht mehr gewährleistet“

Am 26. März hat die Familie Anna Frey mit einem eigens bestellten Krankentransport in eine neue Pflegeeinrichtung gebracht. Den Umzug hatte Norbert Zimmering der Familie empfohlen. „Die Sicherheit von Oma war am Grafenweg nicht mehr gewährleistet“, sagt Hendrik Heine. Denn in den letzten Tagen vor dem Auszug sei die Seniorin gestürzt, obwohl eine Betreuungskraft neben ihr gestanden habe.

Von der MiA-Pflegeeinrichtung selbst hat unsere Redaktion auf unsere Anfrage vom 2. April keine Antwort erhalten. Diese hatte sich in der Zwischenzeit allerdings an die Familie Heine gewandt und ihr erklärt, dass man auf die Kündigungsfrist 30. Juni bestehe. Und ihr mitgeteilt, dass der Sturz kein Grund für eine außerordentliche Kündigung sei. Begründung: Das abgeschlossene Mietverhältnis sei rechtlich unabhängig von den gesondert vereinbarten Pflegeleistungen zu behandeln. Und: Die Einrichtung biete „bekanntermaßen keine 24-Stunden-Betreuung“ an. Deswegen obliege hier seitens MiA keine Sorgfaltspflicht, solange der Sturz nicht „durch einen Mangel der Mietsache“ verursacht worden wäre.

Am 27. April wenden wir uns nochmal an die Pflegeeinrichtung. Hier teilt man uns mit, dass die E-Mail vom 2. April nicht angekommen sei. Am 28. April wendet sich der Anwalt der Betreiber der Pflegeeinrichtung an unsere Redaktion. In einem Schreiben heißt es, dass man die „aufgeworfenen Fragen lückenlos beantworten“ könne. Und weiter: „Ansonsten untersagen wir Ihnen hiermit auftragsgemäß und ausdrücklich, unsere Mandantin einem geschäftsschädigenden Artikel - ohne Rücksprache - oder einer irgendwie gearteten Kampagne auszusetzen [...]“.

In einem weiteren Schreiben vom 6. Mai, nachdem wir die Betreiber noch einmal um eine schriftliche Stellungnahme bitten, heißt es dann, dass die Betreiber bereit seien, „sämtliche relevante Fragen umfassend zu beantworten; mit Ausnahme derjenigen, die gerichtsrelevant sind und die Öffentlichkeit nichts angehen.“ Eine Antwort auf die gestellten Fragen ist bis heute ausgeblieben.

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