Das Coronavirus hat in Werne seine Spuren hinterlassen. Wir liefern eine Chronologie der Ereignisse. © Neubauer/Klose
Coronavirus in Werne

Werne und das Virus: Die Corona-Chronologie im Rückblick (Teil 1)

Das Jahr 2020 stand im Schatten der Pandemie. Auch Werne blieb von schlimmen Ereignissen rund um das Virus nicht verschont. In unserer Chronologie erklären wir, wie Corona sich auf die Lippestadt ausgewirkt hat. Teil 1 beginnt im März 2020.

Mitte März 2020 erscheint Werne auf der Karte noch als Enklave. Rund um die Lippestadt haben zu diesem Zeitpunkt so gut wie alle Kommunen bereits Corona-Infektionen gemeldet. Überall dort gibt es inzwischen Menschen, die sich mit dem Virus angesteckt haben. Nur in Werne nicht. Von heiler-Welt-Stimmung ist man allerdings auch in der Lippestadt weit entfernt. Die Lage ist ernst. Die Sorgen sind groß. Was kommt da wohl auf uns zu? Was können wir tun, um den Schaden so gering wie möglich zu halten?

Längst tätigen die Menschen Hamsterkäufe. Desinfektionsmittel, Toilettenpapier Nudeln und Co. sind heiß begehrte Ware. Das Christophorus-Krankenhaus hat bereits am 5. März die Patientenbesuche eingeschränkt, um das Risiko einer Infektion zu minimieren. Zumal es bei der Schutzbekleidung, die bei Besuchen auf Isolierstationen Pflicht ist, mittlerweile Lieferengpässe gibt. Abseits der Klinik gilt bis dato eher die schlichte Empfehlung: „Abstand halten und kein Händeschütteln!“ Doch das ändert sich bald.

Im März 2020 überschlagen sich die Ereignisse auch in Werne

In der zweiten Märzwoche überschlagen sich auch in Werne die Ereignisse. Gefühlt gibt es im Minutentakt neue Nachrichten. Meist sind das keine guten. Das E-Mail-Postfach unserer Redaktion quillt über vor Veranstaltungsabsagen – angefangen beim Kinderbasar in der Kita bis hin zur Best-Of-Party im Kolpingsaal. Die Corona-Krise scheint noch nicht einmal so etwas wie die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm zu kennen.

An einem Freitag, den 13., lud die Stadt zur Krisen-PK.
An einem Freitag, den 13., lud die Stadt zur Krisen-PK. © Jörg Heckenkamp © Jörg Heckenkamp

Am 12. März vermeldet der Kreis Unna die erste positiv getestete Person aus Werne. Am 13. März – einem Freitag – erhalten die Schulen die Nachricht, dass sie ab dem folgenden Montag geschlossen bleiben. Das hat die Landesregierung aufgrund der aktuellen Corona-Lage so entschieden. Die Werner Schulen müssen nun auf E-Learning umstellen. Das klappt in der Folge mal besser, mal schlechter. Auch Kitas bleiben zu. Und nicht wenige Eltern stehen nun vor der Herausforderung, Beruf und Kinderbetreuung mal eben auf die Schnelle unter einen Hut zu kriegen.

Der Krisenstab der Stadt Werne teilt noch am Sonntag (15. März) mit, dass nun auch städtische Einrichtungen wie das Museum, die Bücherei und die VHS, aber auch der Baubetriebshof und das Stadthaus ihre Türen schließen – genauso wie das Solebad. Ab Mittwoch (18. März) stehen darüber hinaus Bars und Schankwirtschaften, Clubs, Diskotheken, Theater und Kinos auf der Liste. Gleiches gilt für Geschäfte, die keine Waren des täglichen Bedarfs anbieten. Sport im Fitnessstudio oder Zusammenkünfte in Sportvereinen sind ebenfalls nicht mehr möglich. Zudem werden Spiel- und Bolzplätze abgesperrt.

„Ich wünsche mir den Tod deiner Mutter“

Kundin zu einer Supermarktmitarbeiterin

Immerhin: Restaurants und Gaststätten sowie Hotels können unter starken Einschränkungen vorerst weitermachen. Unter anderem gelten Sperrzeiten und Hygienekonzepte mit Mindestabständen. Außerdem müssen sich Kunden auf Listen registrieren. Um all diese Dinge herrscht aber zunächst einmal ordentlich Verwirrung. Denn wirklich einheitlich ist das, was Bund, Länder, Kreise und Kommunen binnen weniger Tage vorschreiben, einfordern und umsetzen, nicht. Es ist eine Problematik, die sich bekanntlich noch in die Länge ziehen wird.

Wernes Bürgermeister Lothar Christ teilt ebenfalls am 18. März mit, dass es nun sechs Corona-Infizierte in Werne gibt. Drei davon sind Urlaubsrückkehrer aus Österreich. Wie sich später herausstellt haben sie drei weitere Personen angesteckt. Christ appelliert an die Bürger, nicht in Panik zu geraten, sich an die Regeln zu halten und Rücksicht auf andere zu nehmen – insbesondere auf ältere Menschen und Vorerkrankte, die zur Risikogruppe gehören. Zugleich wird angekündigt, dass man die Einhaltung der Regeln streng kontrollieren und gegebenenfalls Bußgelder verhängen werde.

Heike Glas musste sich als Mitarbeiterin eines Supermarktes schlimme Beleidigungen anhören.
Heike Glas musste sich als Mitarbeiterin eines Supermarktes schlimme Beleidigungen anhören. © Andrea Wellerdiek © Andrea Wellerdiek

Und wie steht’s zu diesem Zeitpunkt um die Stimmung in der Stadt? Die ist zunehmend gereizt. Wie sehr, das zeigt sich unter anderem in einem Werner Supermarkt. Dort arbeitet Heike Glas. Sie ist eine von den „Unverzichtbaren“, von den Menschen also, die man in Krisenzeiten auch gerne als „systemrelevant“ bezeichnet. Doch für ihren Einsatz erntet Glas keineswegs nur dankende Worte, wie sie im Gespräch mit unserer Redaktion berichtet.

Im Gegenteil. Wüste Beschimpfungen von Kunden gehören längst zum Alltag. Beleidigungen, die weit unter die Gürtellinie gehen. Worte, die verletzen. „Ich wünsche mir den Tod deiner Mutter“ habe eine Kundin ihr zugerufen, erzählt Glas. Dabei habe sie die Dame doch lediglich darauf hinweisen wollen, dass jeder Kunde nicht mehr als ein Paket Toilettenpapier kaufen dürfe. Einer ihrer Kolleginnen habe ein aufgebrachter Kunde sogar eine Packung Hefe gegen den Kopf geworfen.

Händler plagen Existenzsorgen – manche zeigen sich kreativ

Bei manch einem Werner Händler kommen derweil Existenzängste auf. Wer weiß schon, wie lange dieser Zustand noch andauern wird? Wie lange wartet der Vermieter wohl auf die ausstehende Pacht? Und wie tief kann der Staat wirklich in die Tasche greifen, um Einnahmeverluste im Zuge des ersten Lockdowns auszugleichen? Resignation ist für die meisten Geschäftsleute jedoch keine Option.

Lieferdienste werden aus dem Boden gestampft – nicht nur für Essen, sondern auch für Kleidung und diverse andere Verkaufsartikel. Händler wie Wolfgang Klinge von Lederwaren Küper führen ihre Kunden quasi digital durch ihre Läden. Per Videochat werden Waren präsentiert und Kunden beraten. Die Krise macht erfinderisch – und zeigt in einigen Situationen auch die guten Seiten der Menschen. Denn viele engagieren sich – sei es, indem sie Einkäufe für Alte und Kranke erledigen oder indem sie im Akkord Mund-Nase-Masken nähen.

Als die Maskenpflicht eingeführt wird, legten sich einige Näherinnen mächtig ins Zeug.
Als die Maskenpflicht eingeführt wird, legten sich einige Näherinnen mächtig ins Zeug. © Your Brands © Your Brands

Es sind Lichtblicke in finsteren Zeiten. Musiker geben Fensterkonzerte, Partys werden ins Internet verlegt und im Live-Stream-Format veranstaltet. Sogar Kirchen übertragen ihre Gottesdienste nun digital in Echtzeit. Parallel dazu plätschern weiter Absagen ins Redaktionspostfach – für Events, die zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch in verhältnismäßig ferner Zukunft liegen. Zum Beispiel die Mai-Kirmes.

Eine traurige Meldung liefert der Kreis Unna am 14. April: An diesem Tag stirbt die erste mit dem Coronavirus infizierte Person aus Werne. Dennoch scheint ein Ende des harten Lockdowns in Sicht. Es kommen Lockerungen. Auf die Öffnung der Schulen folgt unter anderem die Öffnung der Friseurgeschäfte. Kirchen dürfen wieder Präsenzgottesdienste veranstalten. In der Gastronomie- und Hotelbranche herrscht ebenfalls wieder Betrieb. Alles unter strengen Auflagen, versteht sich. Dazu gehört auch die seit Ende April geltende Maskenpflicht.

„Wir sollten verantwortungsvoll mit den Lockerungen umgehen.“

Bürgermeister Lothar Christ im Mai

Wenn es um die Einhaltung der Regeln geht, um diszipliniertes Verhalten also, dann präsentieren sich die Werner im Großen und Ganzen vorbildlich. Das bestätigen Polizei und Stadt im April und Mai mehrfach. Dennoch mahnen sie zur Vorsicht. Ordnungsdezernent Frank Gründken sagt im Gespräch mit unserer Redaktion Ende April: „Wir sind nach wie vor im Ausnahmezustand. Und niemand kann sagen, wie lange das noch so bleiben wird.“

Der Umgang zwischen Ordnungsamt und Bürgern sowie Gastronomen sei grundsätzlich gut. Dass aber keineswegs alles reibungslos läuft, zeigt ein Blick in die Statistik. Bis Mitte Mai hat die Stadt 200 Verwarnungen ausgesprochen – und 30 Bußgelder, weil Menschen gegen die Regeln verstoßen haben. Die Sünder kostet das mal 50, mal 200 Euro.

Bürgermeister Lothar Christ lobt die Werner dennoch für ihre Disziplin. Er sei erleichtert ob der Lockerungen, sagt er Mitte Mai. Aber auch er mahnt: „Wir sollten verantwortungsvoll damit umgehen.“

Über den Autor
Redakteur
Geboren 1984 in Dortmund, studierte Soziologie und Germanistik in Bochum und ist seit 2018 Redakteur bei Lensing Media.
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Felix Püschner

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