Werner Kinderärztin: Übergewicht bei Kindern ist oft die Schuld der Eltern

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Bewegungsmangel ist in unserer Internet-Gesellschaft zum Problem auch für Jugendliche und selbst Kinder geworden. Mit teils schlimmen Folgen, wie eine Werner Kinderärztin berichtet.

Werne

, 04.12.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Dabei geht es um stark übergewichtige (Adipositas) Kinder, denen nur noch eine stationäre Behandlung helfen kann. „Die kann von sechs Wochen bis zu drei Monate bei schwerer Adipositas dauern“, sagt die Werner Kinderärztin Jasmin Lidgett auf Anfrage der Redaktion.

Monatelange Abnehmkuren für 14-Jährige? In der Tat, sagt Lidgett, kommt das auch in ihrer Praxis an der Steinstraße vor, sei aber natürlich die Ausnahme. Dennoch kann sie dem Trend einer neuen Studie der Weltgesundheitsorganisation über den zunehmenden Bewegungsmangel bei Kindern und Jugendlichen zustimmen: „Ja, ich habe das Gefühl, seitdem es die Handys massenhaft gibt, bewegen sich die Kinder und Jugendlichen weniger.“

Je mehr Handyzeit, umso weniger Bewegungszeit

Jede Medienzeit, ob Handy, Konsole, Tablet, sei weniger Bewegungszeit. „Das betrifft vor allem Jugendliche“, sagt die Medizinerin. Denn die weiterführenden Schulen nähmen viel Zeit in Anspruch, so dass nach Schule und Hausaufgaben kaum Zeit für Sport bliebe.

Lidgett empfiehlt täglich eine Stunde Bewegung, möglichst draußen. Das kann der Fußball-Kick mit Freunden sein, oder auch der Weg zur Schule mit dem Fahrrad. Die Schulen selbst böten zwar Sportunterricht, „aber an den weiterführenden Schulen wird es weniger, je älter die Schüler sind“, sagt Lidgett.

Übergewicht entsteht durch Bewegungsmangel und falsche Ernährung

Neben dem Bewegungsmangel verweist sie auf eine weitere, wichtige Komponente für die zunehmende Fettleibigkeit beim Nachwuchs: die falsche Ernährung. Hier käme den Eltern eine große Vorbildfunktion zu, die sie oft nicht wahrnähmen.

„Da kommen die Eltern mit ihrem schwer adipösen Kind zu mir und erwarten, dass ich ihm sage, es solle mal anders essen. Aber die Eltern sind nicht bereit, über ihre eigenen Essgewohnheiten nachzudenken“, sagt Lidgett. Eltern hätten hierbei eine große Vorbildfunktion, die sie eigentlich schon im Säuglingsalter wahrnehmen müssten. In ihrer Praxis würde sie 15 bis 20 Prozent der kleinen Patienten als adipös bezeichnen. Lidgett: „Da ist viel Luft nach oben.“

Kampf gegen das Übergewicht auf drei Feldern

Sie nennt drei Felder, die für ein Abnehmprogramm eines übergewichtigen Kindes wichtig sind: Bewegung, Ernährung, familiäres Umfeld. Wenn man das in Angriff nehmen könne, sei die Chance gut. Lidgett: „Das ist nicht einfach, denn Adipositas ist schon eine schwere Krankheit.“

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Eine wochenlange oder sogar monatelange Reha-Maßnahme für Kinder und Jugendliche sei dann die letzte Maßnahme, weil sich operative Eingriffe wie Magenverkleinerung bei solchen jungen Patienten selbstverständlich verbieten würden.

Doch nach solch einer Reha kämen die Kinder und Jugendlichen in ihr gewohntes Umfeld zurück, das sich in Sachen Bewegung und Ernährung in der Regel nicht geändert habe. Lidgett: „Das familiäre Umfeld müsste eigentlich mittherapiert werden.“

Eine im November 2019 vorgestellte Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO kommt zu dem beunruhigenden Schluss: Rund 84 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland (81 Prozent weltweit) bewegen sich zu wenig. Mädchen sind sogar noch größere Bewegungsmuffel als Jungen. Eine Stunde Bewegung pro Tag wäre schon ausreichend, sagt die WHO. Im Vergleich zum Jahr 2001 haben sich die Zahlen für Deutschland sogar ein wenig verschlechtert (Jungen: 79,5 Prozent; Mädchen: 87,7 Prozent). Weltweit haben sich die Werte nur bei Jungen gering verbessert.
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