Werner Krankenhaus-Leiter zu Preisanstieg in Corona-Krise: „Das sind mafiöse Strukturen!“

mlzCoronavirus in Werne

In der Corona-Krise blüht der Handel für Medizinprodukte. Desinfektionsmittel, Beatmungsgeräte, Masken werden zu hohen Preisen gehandelt. Ludger Risse vom Werner Christophorus-Krankenhaus spricht von „mafiösen Strukturen“.

Werne

, 26.03.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Medizinische Einrichtungen in ganz Deutschland hatten vergangene Woche um Hilfe gerufen. Dringend notwendige Produkte wie Masken gingen zur Neige. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte daraufhin 10 Millionen Masken für die Einrichtungen versprochen.

Eine Lieferung mit sechs Millionen FFP2-Masken, die eigentlich nach Deutschland kommen sollte, war am Dienstag auf einem Flughafen in Kenia „spurlos verschwunden“, wie die Deutsche Presse-Agentur am Mittwoch berichtete. Die Preise für Schutzausrüstung seien hoch und runter gegangen wie Gold, sagt Spahn. Auch der Medizinprodukte-Händler Joachim Raguse aus Herbern hatte vergangene Woche von verrückten Verhältnissen auf dem Weltmarkt gesprochen.

Jetzt lesen

Im Werner St.-Christophorus-Krankenhaus beobachtet man die derzeitigen Entwicklungen im Handel mit medizinischen Produkten mit Argwohn. „Der Stand der Dinge ist so, dass wir im Moment mit Material noch sicher aufgestellt sind“, sagt Ludger Risse. Er ist der Pflegedirektor des Katholischen Klinikums Lünen-Werne GmbH, zu dem das Werner Krankenhaus gehört und zugleich Standortleiter. „Aber auch wir haben Material zum zehnfachen Preis eingekauft.“

15- bis 20-facher Preis ist zur Normalität geworden

„Normal“ sei derzeit aber wohl eher das 15- bis 20-fache der Preise, die vor der Corona-Krise galten, sagt Bernd Scharfenkamp, der im Klinikumverbund für den Einkauf zuständig ist. So koste die einfache OP-Maske derzeit statt 5 bis 6 Cent gut einen Euro, eine FFP-Maske liege derzeit inklusive Mehrwertsteuer statt bei 1,30 bei etwa 12 Euro.

Risse spricht von mafiösen Strukturen, wenn er an den Handel mit derzeit lebensnotwendigen medizinischen Artikeln denkt. Egal ob Atemschutzmasken, Schutzkleidung für medizinisches Personal, Beatmungsgeräte, Händedesinfektionsmittel. „Das sind die Krisengewinner. Das geht mir sowas von auf den Nerv. Die bauen da drauf, dass die Leute das aus Not kaufen und nutzen die Not der Patienten und Krankenhäuser schamlos aus“, so Risse.

Jetzt lesen

Auch bei ihm und seinen Kollegen gingen täglich drei bis vier dubiose Anfragen ein. Gerade in den letzten zwei Wochen hätten diese Anfragen zugenommen, sagt Bernd Scharfenkamp. Dabei gehe es am Telefon dann auch schon mal um eine Übergabe von Material am Flughafen. „Diese Ware war aus Brasilien“, so Scharfenkamp. Verkauf ab einer Stückzahl von 40.000 normaler OP-Mundschutze. Den Flughafen habe man sich aussuchen können. Die Entscheidung verlange der Anrufer dann immer sofort. Ein schriftliches Angebot gebe es nie. „Da gehen wir gar nicht drauf ein“, so Risse.

Ludger Risse ist der Pflegedirektor des Katholischen Klinikums Lünen-Werne GmbH und Standortleiter des Werner St.-Christophorus-Krankenhauses.

Ludger Risse ist der Pflegedirektor des Katholischen Klinikums Lünen-Werne GmbH und Standortleiter des Werner St.-Christophorus-Krankenhauses. © Felix Püschner

Mit den ersten Fällen in China habe sich der Preis für die Materialien erstmals erhöht. Richtig angestiegen seien die Preise allerdings erst, als sich das Virus vor etwa vier Wochen in Italien breit machte, sagt Risse. Auch das Christophorus-Krankenhaus hoffe auf die Lieferungen, die durch den Bundesgesundheitsminister versprochen werden.

„Die Leute wissen, was sie nehmen können“

„Die Leute sind nicht blöd. Gerade im Netz wissen die, was sie nehmen können, ohne komplett aus dem Rahmen zu fallen“, sagt Bernd Scharfenkamp. Dabei könne es sich sowohl um Zwischenhändler als auch um gut vernetzte Geschäftsleute aus anderen Sparten handeln. Die orientierten sich dann am Marktpreis. Wenn der steige, dann bewegten sich auch die Preise der „Handelspartner“ nach oben. Aber es gebe auch die Menschen, die Krankenhäusern wirklich helfen wollten.

Im Werner Krankenhaus sei derweil schon Händedesinfektionsmittel abhanden gekommen, wenn auch nicht im großen Stil, sagt Risse: „Wer auch immer das war, hat einen Spender mit Wasser nachgefüllt, damit es nicht so auffällt. Das sind wirkliche Gemeinheiten.“ Seit die Besuche seit vergangenem Samstag im Krankenhaus verboten sind, hätten derartige Zwischenfälle allerdings nachgelassen, sagt der Pflegedirektor. Ausgenommen von dem Verbot sind Geburtsstationen und palliative Einrichtungen.

Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt