Werner Psychologin über Zoff in der Quarantäne: „Es ist nun mal keine Honeymoon-Zeit“

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Der Griff zur Flasche, Streit mit dem Partner und bisweilen sogar körperliche Gewalt - die Pandemie macht uns schwer zu schaffen. Erst recht in Quarantäne. Warum das so ist, erklärt die Werner Psychologin Dr. Gabriele Angenendt.

Werne

, 17.11.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Pandemie bringt in vielerlei Hinsicht Einschränkungen mit sich. Erst recht, wenn man sich in Quarantäne begeben muss. Wir haben mit der Werner Diplompsychologin und Psychotherapeutin Dr. Gabriele Angenendt darüber gesprochen, was ein solches Szenario mit uns anstellt. Im zweiten Teil unseres großen Interviews geht es um Suchtprobleme, Streit unter Paaren und häusliche Gewalt.

Frau Angenendt, mit einer Quarantäne scheint nicht nur das Risiko einer Depression zu steigen. Auch die Suchtproblematik verschärft sich laut Angaben der entsprechenden Beratungsstellen. Woran liegt das?

Da kommen mehrere Faktoren zusammen. Übermäßiger Alkoholkonsum kann eine Strategie sein, um sich von einer belastenden Situation abzulenken – und das ist eine Quarantäne ja nun mal in der Regel. Kurzfristig funktioniert die Ablenkung dann auch, aber langfristig kann sich daraus eben eine Suchtproblematik entwickeln. Das gilt nicht nur für Alkohol, sondern unter anderem auch für Onlinespiele oder Online-Shopping. Hinzu kommt, dass das Verhalten in Quarantäne nicht mehr sozial kontrollierbar ist. Das heißt: Außenstehende bekommen nichts davon mit und können daher nicht einwirken.

Die Werner Diplompsychologin und Psychotherapeutin Dr. Gabriele Angenendt

Die Werner Diplompsychologin und Psychotherapeutin Dr. Gabriele Angenendt © Angenendt

Woran erkennt man denn überhaupt, dass man sich Hilfe suchen sollte?

Im Falle von Alkohol: Wenn man merkt, dass man ihn sehr vermisst, sobald mal keiner mehr da ist. Oder wenn man morgens schon nachschaut, ob der Vorrat noch für die nächsten drei Tage reicht. Das sind erste Anzeichen. Man muss aber auch sagen, dass die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, innerhalb einer dreiwöchigen Quarantäne eine Sucht zu entwickeln, wenn man vorher diesbezüglich keine Neigung hatte.

So etwas dauert deutlich länger, oftmals sogar Jahre. Die Isolation ist eher für Menschen problematisch, die ohnehin einen riskanten Umgang mit Alkohol pflegen oder in der Vergangenheit bereits Suchtprobleme hatten und dann möglicherweise rückfällig werden, wenn die Unterstützungsangebote, wie zum Beispiel Selbsthilfegruppen, weg fallen.

Probleme kann es aber auch im Umgang unter Paaren geben. Liegt das wirklich daran, dass man sich erst in der Quarantäne richtig kennenlernt?

Nein, das liegt vor allem daran, dass die Quarantäne eine extrem belastende Situation sein kann. Das ist ja keine freiwillige dreiwöchige Honeymoon-Zeit, die man da erlebt. Man ist in Quarantäne, weil die Lage bedrohlich ist – und zwar nicht nur die Lage da draußen. Vielleicht ist auch der Job gefährdet. Man hat also existenzielle Ängste, ist angespannt. Und möglicherweise hat man dann auch noch zwei Kinder im Home Schooling, die den ganzen Tag über betreut werden müssen. Da kommen also viele Dinge zusammen.

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Und wie kann man verhindern, dass es zum großen Krach kommt?

Man sollte immer in der Lage sein, respektvoll miteinander umzugehen und seinem Gegenüber Wertschätzung entgegenzubringen – auch wenn man sich mal übereinander ärgert. Außerdem ist es wichtig, dass jeder seinen Freiraum und ein bisschen Zeit für sich hat. Dass man sich auch mal ein oder zwei Stunden aus dem Weg gehen kann. Das kann vor allem in Quarantäne und in einer kleinen Wohnung sehr schwierig sein. Aber auch da lassen sich Lösungen finden. Man muss kompromissbereit sein. Eines muss aber auch klar sein…

Und zwar was?

Dass es nicht ungewöhnlich ist, wenn man als Paar in einer solchen Situation an seine Grenzen stößt. Dafür muss man sich nicht schämen. Auch nicht dafür, dass man dann gegebenenfalls eine Beratungsstelle aufsucht. Und das gilt nicht nur für Paare, sondern auch für Familien.

Etwas mehr als bloße Beratung könnte in einem anderen Fall angebracht sein – wenn es nicht „nur“ zum Streit, sondern zu häuslicher Gewalt kommt. Erhöht eine Quarantäne auch das Risiko für ein solches Szenario?

Wenn jemand schon vorher impulsiv war und nicht vor körperlicher Gewalt gegenüber seinem Partner zurückgeschreckt hat, dann ist das Risiko durch eine Quarantäne-Situation durchaus größer. Allein schon dadurch, dass der potenzielle Täter keine Möglichkeit hat, die Situation zu verlassen um sich „runter zu fahren“. Er kann ja nicht einfach draußen eine Runde um den Block gehen.

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Statistiken zum Thema häusliche Gewalt im Zuge der Pandemie sind aktuell kaum aussagekräftig. Glauben Sie, dass die Zahl der Fälle gestiegen ist?

Ich glaube zunächst einmal, dass es in einer Quarantäne-Situation für die Opfer noch schwieriger ist, sich Hilfe zu suchen. Da fehlt dann vielleicht die zeitliche Lücke – die Momente, in denen man unbeobachtet ist. Meine Kollegen aus der Frauen- und Mädchenberatungsstelle sagen jedenfalls, dass es während des ersten Lockdowns kaum Beratungsanfragen gab. In der Zeit danach stiegen sie allerdings sprunghaft an.

Das spricht ja eigentlich für die Theorie der fehlenden Lücken…

Das kann sein. Das, was wirklich deutlich zugenommen hatte, waren allerdings die Beratungsanfragen von Frauen, die die Gewalterfahrungen lange vor dem Lockdown, manchmal sogar in der Kindheit, machen mussten. Häufig waren sie mit dem Täter schon gar nicht mehr in Kontakt. Aber das, was sie damals erlebt hatten, kam nun im Home Office, in der Isolation wieder hoch. Dann kamen diese Frauen in die Beratung, weil sie eine Entscheidungshilfe brauchten. Sie haben sich zum Beispiel gefragt, ob sie den Täter jetzt überhaupt noch anzeigen sollten. Und es gab noch eine andere Auffälligkeit.

Welche denn?

Es gab einen sprunghaften Anstieg in der Schwangerschaftskonfliktberatung. Viele Schwangere hatten plötzlich Sorge, ob sie in diesen unsicheren Zeiten noch Kinder in die Welt setzen sollten. Das waren also ganz existenzielle Fragen.

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