Werner Radsportler starten bei Dolomiten-Marathon

Berg- und Qualfahrt

Jedes Jahr am ersten Juli-Wochenende reisen rund 9000 Radfahrer aus aller Welt zum Dolomiten-Marathon - eines der härtesten Jedermannrennen Europas. Und eines der beliebtesten. Um einen Startplatz zu ergattern, braucht es Losglück. Sechs Fahrer des RSC Werne haben nun das große Los gezogen und dürfen starten.

WERNE

von Florian Riesewieck

, 03.12.2014, 13:50 Uhr / Lesedauer: 4 min
Die Werner (v.l.) Peter Jücker, Peter Wenner, Peter Dercken, Jörg Porwoll und Dirk Böhle werden am 5. Juli 2015 darunter sein

Die Werner (v.l.) Peter Jücker, Peter Wenner, Peter Dercken, Jörg Porwoll und Dirk Böhle werden am 5. Juli 2015 darunter sein

Rund 30 000 Fahrer haben sich für die 9000 Startplätze für das Rennen am 5. Juli beworben, die größtenteils verlost wurden. Die Werner, die sich als Team beworben haben, hatten Losglück und tauchen in den Teilnehmerlisten zwischen Fahrern aus den USA, Venezuela und den Vereinigten Arabischen Emiraten auf. Wo andere Winterurlaub machen, kommen sie für Sommer-Qualen: 138 Kilometer von La Villa nach Corvara, über sieben Dolomiten-Pässe. Strecken mit klangvollen Namen wie Passo Campolongo, Sellaronda sowie Passo Valparola und dem beeindruckenden Panaroma der weiß gekleideten Berge als ständigem Begleiter, aber manchmal auch mit Regen, Hagel und anderen Tücken. Mehr als 4000 Höhenmeter sind zu bewältigen. Sprich: Summiert man alle Anstiege, dann ist es, als bestiegen die Fahrer von Normalnull einmal eben einen Viertausender. Das entspricht den Höhenmetern jener legendären Tour-de-France-Etappe, bei welcher der Profi-Zirkus gleich zweimal den Aufstieg ins weltberühmte Alpe d’Huez nehmen muss. Sie seien zwar als Team angemeldet, sagt Böhle, „aber auf der langen Strecke werden wir uns wohl zwangsläufig verlieren.“ Am Berg müsse jeder der sechs seinen eigenen Rhythmus finden:

  • Dirk Böhle (53), der aus dem Triathlon schon die Leiden eines Ironman kennt und unter den sechs Wernern der Kleinste und Leichteste ist.
  • Peter Wenner (52), der schon als Schüler und Student an Radrennen teilnahm und sich als „Jens Voigt von Werne“ für die Mannschaft im Wind quält.
  • Joachim Schröer (49), das fast zwei Meter große Kraftpaket, das auf den ersten 100 Kilometern kaum zu schlagen ist – aber anschließend beißen muss.
  • Peter Dercken (54), der bei den Trainingsfahrten zu jedem Autobahnbrücken-Sprint anzieht, als gehe es um sein Leben oder mindestens eine Wertung für das gepunktete Trikot.
  • Jörg Porwoll (57) aus dem Münsterland, den seine Teamkollegen als „Flachland-Tiroler“ necken, der aber mit dem Rad jeden Tag 60 Kilometer zur Arbeit abspult.
  • Peter Jücker (47), den die Daten des Dolomiten-Marathons kaum schocken dürften, nachdem er in diesem Jahr bereits bei dem Marathon überhaupt ins Ziel kam: dem Ötztaler Radmarathon in Österreich, der noch einmal 100 Kilometer länger ist – bei fast 5500 Höhenmetern!

Jücker gehörte schon früher als Kreisliga-Fußballer bei Grün-Schwarz Cappenberg zu den Spielern mit der besten Kondition. Anschließend begann der Unternehmer Marathon zu laufen, bevor er schließlich mit dem Radfahren begann. „Weil ich vom Laufen die Knie kaputt hatte“, erklärt er. Bei ihm ist es wie bei den meisten seiner Kollegen vom RSC Werne: Hat er eine Herausforderung gemeistert, fallen ihm gleich zwei neue ein.

 

So saßen die Männer im Juni nach dem Drei-Länder-Giro durch Österreich, Italien und die Schweiz gerade bei einem belohnenden Bier zusammen, als Jücker in eine kurze Pause hinein fragte: „Freunde, wie geht’s jetzt weiter? Was kommt als nächstes?“ Und dann begann er von den Dolomiten zu erzählen, in denen er schon unzählige Male zum Wandern und Skifahren war und wo es doch diesen sagenhaften Dolomiten-Marathon geben soll... Es ranken sich einige Geschichten um das Rennen, das 1987 zum ersten Mal ausgetragen wurde. Ein kleiner italienischer Fahrradverein veranstaltete es damals als Feier zu seinem zehnjährigen Bestehen – mit nur 166 Teilnehmern. Doch der Zauber der bleichen Berge zog in den folgenden Jahren immer mehr Sportler an.

So ist die Veranstaltung seither kräftig gewachsen. Die Region, die bis dahin vor allem im Winter die Ski-Touristen empfing, entdeckte eine neue Nische für den Sommer. Hotels bieten Kombi-Pakete an, bei denen die Gäste zu einer Zimmerbuchung ein garantiertes Start-Ticket erhalten. Der ehemalige Tour-de-France-Sieger Miguel Indurain hat an dem Rennen schon teilgenommen, der frühere Formel-1-Fahrer Jarno Trulli und sogar die Schwester des Dalai Lama. Die Veranstalter weisen gerne auf die positiven Seiten des Rennens hin, unterstützen mit einem Teil der 99 Euro Antrittsgeld soziale Projekte und rühmen sich mit ihrem Einsatz für Nachhaltigkeit. So droht Fahrern, die ihren Müll am Wegesrand abladen, der Ausschluss. Aber der Marathon schreibt auch traurige Geschichten: 1992 kam bei einem schweren Straßenunfall ein Mensch ums Leben. Auch im Jahr 2000 starb einer der Teilnehmer, als er auf der Abfahrt vom Giau Pass stürzte. Das Hauptziel der Werner ist für Dirk Böhle deshalb klar: „Gesund ankommen. Es nützt ja nichts, wenn einer am Ende vom Rad kippt.“ An den Bestzeiten von unter fünf Stunden werden sie nicht kratzen. Ehrgeiz haben sie aber trotzdem genügend. So trainieren die Radsportler zwei- bis dreimal in der Woche, nehmen pro Jahr an 30 bis 40 Rennen teil. Peter Jücker etwa hat 2014 rund 8000 Kilometer auf dem Rad abgespult. Das ist eine Strecke von Werne bis einmal nach Ulaanbaatar, in die Hauptstadt der Mongolei. Und Ende April legen sie noch ein Trainingslager auf Mallorca ein. Dann liegt der Moment, den Dirk Böhle bisher nur bei YouTube erlebt hat, nicht mehr fern: „Wenn du da in den Dolomiten ins Ziel einfährst, mit so vielen Leuten an der Strecke...“, sagt er und lässt den Satz irgendwo in Gedanken an die bleichen Berge enden. Derweil denkt Peter Jücker schon ein steiles Gebirge weiter: „2014 den Ötztaler Marathon, 2015 die Dolomiten, da kann 2016 eigentlich nur La Marmotte in Frankreich folgen.“ Noch so ein Klassiker. Noch länger, höher und weiter „Dann“, sagt Jücker, „wäre die Trilogie perfekt.“ Gut möglich also, dass er bei einem Bier in den Dolomiten noch einmal das Wort ergreifen wird.

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