Wernerin erinnert sich an die Köttersbergschule

Evenkamp-Serie

In dieser Folge der Evenkamp-Serie erinnert sich Irmtraud Havighorst, geborene Seyfarth, an die Köttersbergschule, in die sie eingeschult wurde. Die Schule stand auf dem heutigen Gelände der Stadtsparkasse an der Ecke Stockumer Straße. Das sind ihre Erinnerungen.

EVENKAMP

, 27.07.2016, 11:47 Uhr / Lesedauer: 3 min

Als Irmtraud Havighorst, geborene Seyfarth, 1948 in die Köttersbergschule an der Stockumer Straße eingeschult wurde, trug sie einen Strickrock mit rosafarbenen Herzen. Den Rock hat ihre Mutter aus Vaters alten Püttsocken gestrickt. „Die Wollsocken wurden aufgeribbelt“, erzählt die 74-Jährige heute. Und damit nichts schmutzig wurde, trug sie eine Schürze darüber.

Die Wollsocken wurden vom Bergbau gestellt. Paul Seyfarth arbeitete als Schlosser bei der Zeche Werne. Der gebürtige Ostpreuße war 1937 dem Ruf des Bergbaus gefolgt und nach Werne gekommen. „Handwerker wurden damals angeworben“, weiß sie aus Erzählungen.

40 Schüler in einer Klasse

„Meine Mutter achtete darauf, dass ich vernünftig angezogen war.“ Sie erinnert sich noch an ihre erste Lehrerin Agnes Rehling (spätere Hundorf), an das Einschulungsfoto, das vor dem Altenheim an der Hüsingstraße gemacht wurde. „Wir waren 40 Kinder in der Klasse.“ Sie erzählt von einem Lehrer, der neu an die Schule kam. „Er nannte uns Saubande, Sauhaufen, Koloniepack.“ Sie lacht. Das war nur am Anfang. „Später haben die Evenkämper Kinder ihm feine Manieren beigebracht“, sagt sie.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Evenkamp-Serie: Die Köttersbergschule der Bergmannssiedlung

Für unsere Evenkamp-Serie haben uns viele Leser ihre alten Fotos zur Verfügung gestellt. Hier sind einige dieser Bilder zur religiösen und schulischen Seite der Bergmannssiedlung mit Notkirche, St.-Konrad-Kirche und Köttersbergschule.
25.07.2016
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Fronleichnamsprozession mit Altar an der Köttersbergschule.© Foto: Edeltraud Gloger
Ausflug der weiblichen und männlichen Jugend mit Kaplan Bernhard Thiel. Er war der erste Kaplan von St. Konrad.© Archivfoto: Irmtraud Havighorst
Grete und Paul Seyfarth waren an der Barbaraschule als Hausmeister angestellt.© Archivfoto: Irmtraud Havighorst
Die Köttersbergschule stand an der Stockumer Straße, wo heute die Stadtsparkasse steht (Ecke Hüsingstraße).© Archivfoto: Stadtmuseum
Pfarrer Max Wiese (v.r.) mit Konrektor Backhove (Barbaraschule), Rektor Heinrich Hundorf und Junglehrer Karlheinz Felten und den Eltern der Kinder von der Köttersbergschule und späteren Barbaraschule.© Archivfoto: Irmtraud Havighorst
Die Köttersbergschule stand an der Stockumer Straße, wo heute die Stadtsparkasse steht (Ecke Hüsingstraße).© Archivfoto: Wilfried Mette
Das Haus der Urgroßeltern von Irmtraud Seyfarth an der Hüsingstraße. Haus Wiegel. Es wurde 2013 abgerissen.© Archivfoto: Irmtraud Havighorst
Der erste Pfarrer von St. Konrad, Pfarrer Max Wiese. Er stammte von Danzig und war geflüchtet. Rechts im Bild: Hermann Zurstraßen, Vorsitzender des Kirchenchors, Cäcilienchors.© Archivfoto: Irmtraud Havighorst
Die Abschlussklasse ihrer Mutter Grete. Sie ging in die Schule "Auf der Wienbrede". Das Bild stammt von 1935.© Archivfoto: Irmtraud Havighorst
Die Einschulungsklasse der Köttersbergschule mit Agnes Hundorf, geb. Rehling. Die Kinder stellten sich vor dem Altenheim St. Konrad an der Hüsingstraße auf. Das Bild mit Irmgard Seyfarth entstand 1948.© Archivfoto: Irmtraud Havighorst
Irmtraud Seyfarth wurde 1948 in die Köttersbergschule eingeschult. Den Rock hatte ihre Mutter aus der aufgeribbelten Wolle der Püttsocken gestrickt. Mit kleinen rosa Herzchen.© Archivfoto: Irmtraud Havighorst
Die weibliche Jugend von St. Konrad mit (v.l.): Maria Schulz, Grete Kersting, Ursula Kallabis, Ursula Krembel, Irmtraud Seyfarth, Marianne Franz, Hilde Beyer, Anni Scharpenberg und Brigitte Fischer.© Archivfoto: Irmtraud Havighorst
Bei den Feierlichkeiten zur Grundsteinlegung der St. Konrad-Kirche am Kirchberg: Die weibliche Jugend mit Irmtraud Havighorst, geborene Seyfarth, Angelika Neuhaus und Ursula Krembel trägt den Banner.© Archivfoto: Irmtraud Havighorst
Im März 1954 unternahmen die Köttersbergschüler zum Abschluss ihrer Schulzeit eine Grubenfahrt mit ihrem Lehrer Heinrich Hundorf (2.v.l.).© Archivfoto: Wilfried Mette
In der alten Turnhalle der Zeche gingen die Köttersbergschüler turnen.© Archivfoto: Helga Felgenträger
Der Entlassjahrgang 1954 der Köttersbergschule trifft sich nach 25 Jahren zum Klassentreffen. Die anwesenden Lehrkräfte waren Agnes Rehling, Paul Kopp mit Frau Margot, geb. Esser© Archivfoto: Wilfried Mette
Die Köttersbergschüler, die 1945 eingeschult wurden. Traditionell standen sie vor dem damaligen Altersheim "Am Köttersberg". Links im Bild ihre Lehrerin Fräulein Knaup.© Archivfoto: Wilfried Mette
Wilfried Mette wurde 1945 in die Köttersbergschule eingeschult. Das Bild zeigt seine Klasse vor dem Kindergarten "Am Köttersberg".© Foto: Helga Felgenträger
Köttersbergschule an der Stockumer Straße.© Archivfoto: Wilhelm Mette
Die Köttersbergschüler lassen Luftballons steigen. Im Hintergrund das Altenheim an der Hüsingstraße.© Archivfoto: Edeltraud Gloger
Pfarrer Ording mit Kirchenvorstandsvorsitzendem Norbert Wenner.© Archivfoto: Irmtraud Havinghorst
Diözesantag in Münster St. Mauritz (1960): Die Hortgruppe besucht Schwester Hubertilde in Münster. Sie war die erste Kindergarten-Schwester in St. Konrad.© Archivfoto: Irmtraud Havinghorst
Die Hausmeisterwohnung der Familie Seyfarth an der Barbaraschule.© Archivfoto: Irmtraud Havinghorst
Rektor Heinrich Hundorf von der Köttersbergschule und späteren Barbaraschule mit Lehrerin Agnes Rehling (r.), seiner späteren Frau. In der Mitte Elisabeht Böinghoff.© Archivfoto: Irmtraud Havinghorst
Irmtraud Havighorst besuchte von 1948 bis 1956 die Köttersbergschule. Ihre Eltern Grete und Paul Seyfarth waren die ersten Hausmeister der Barbaraschule.© Foto: Helga Felgenträger
Schlagworte Werne

In einer Rede zum Klassentreffen nach 25 Jahren hat sie einige Anekdoten ihrer Schulzeit zusammengefasst. Eine weitere Begebenheit: 1951 bekam die Volksschule einen neuen Rektor. Mit einem Bilderrätsel stellte er sich den Klassen vor. Er malte einen Hund und ein Dorf an die Tafel. „Wir fanden schnell heraus, dass er Hunddorf heißen musste – allerdings nur mit einem 'd'.“ Zur Schulmesse gingen die Köttersbergschüler in die Notkirche im heutigen Beckingsbusch, zum Turnen marschierten sie bis zur Turnhalle auf dem Zechengelände.

Schule im Grünen

Acht Jahre lang ging Irmtraud Havighorst in die Köttersbergschule an der Stockumer Straße. Die Schule war 1935 in die ehemalige Gemeindeschänke einquartiert worden, dazu wurde das Gebäude großzügig umgebaut. Im Erdgeschoss legten die Handwerker Parkettboden, rundherum pflanzten die Gärtner Bäume und Büsche. „Die Schule im Grünen“, schrieben damals die Zeitungen.

Irmtraud Havighorst ging gerne zur Schule, sie wollte unbedingt zur Realschule wechseln. „Ich habe gekämpft“, sagt sie. „Aber meine Eltern konnten das Schulgeld nicht bezahlen.“ Sie machte ihre Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau bei Pelster an der Bonenstraße. Anschließend wechselte sie zum Modehaus C&A in Dortmund. „Heimlich“, erinnert sie sich. „Ich hatte meinen Eltern nichts von dem Bewerbungsgespräch in Dortmund erzählt.“  

Zur Person: Irmtraud Havighorst

Irmtraud Havighorst wurde am 9. Februar 1942 in Werne zu Hause geboren. Aufgewachsen ist sie an der Hüsingstraße. 1948 bis 1956, besuchte sie die Köttersbergschule. Diese war die erste Schule in der Kolonie. Zuvor gingen Kinder aus dem Evenkamp „Auf die Wienbrede“ und „Steintorschule“. Ihre Eltern Paul und Grete Seyfarth übernahmen 1958 die Hausmeistertätigkeit in der neuen Barbaraschule. Sie löste die Köttersbergschule, die zu klein geworden war, ab.

Hintergrund: Eigene Volksschule für Kolonie

Auszüge aus alten Ratsprotokollen (1935) geben Einblick in die Vorgeschichte der katholischen Köttersbergschule (Werner Stadtarchiv). Die Schule wurde im September 1935 eröffnet. „... es wird angeregt, insbesondere für die in der Kolonie wohnenden Schulkinder, die zurzeit zu den Schulen Auf der Wienbrede und Am Steintor einen Schulweg bis zu 50 Minuten haben, ein gemischtes sechsklassiges Schulsystem in der früheren Gemeindeschänke, jetzt Wirtschaft Voß, einzurichten ...“

„.. Rektor Knaup hielt Rücksprache mit dem Herrn Dechanten Tenhagen, der den jetzigen Zeitpunkt für nicht geeignet hielt, weil die Kinder der neuen Schule wegen der weiten Entfernung von der Kirche an den Wochentagen nicht mehr der Schulmesse beiwohnen könnten. Er bat zu warten, bis die in der Nähe der neuen Schule geplante Kirche erbaut sei ...“

„... Rektor Knaup wies darauf hin, dass die neue Schule fast ausschließlich für Koloniekinder bestimmt sei und dass die Absonderung dieser Kinder von den übrigen, hauptsächlich dem Mittelstand angehörigen Kindern, sehr leicht den Eindruck einer sozialen Klassengliederung mache. Die Anwesenden glaubten, diese Bedenken nicht teilen zu können ...“

Erinnerungen gesucht

Es gibt kaum einen Stadtteil in Werne, in dem die Menschen mit so viel Herzblut über alte Zeiten sprechen. Die Bewohner des Evenkamps waren stolz auf ihren Bezirk, der etwas Verruchtes hatte, wie es im Werner Volksmund heißt. Die „Städter“ wollten mit der Kolonie nichts zu tun haben. Aber inzwischen ist es längst Geschichte und in die alten Zechenhäuser sind „Auswärtige“ gezogen. Wir möchten die alten Zeiten wieder aufleben lassen und freuen uns, wenn Sie uns Ihre Geschichte erzählen und uns alte Fotos zur Verfügung stellen: Wer erinnert sich beispielsweise noch an „Lippe in Flammen“, wie die Menschen den Booten auf der Lippe zujubelten?

Schreiben Sie eine E-Mail an Helga.Felgentraeger@mdhl.de oder rufen Sie uns an unter Tel. (02389) 98 29 10.

Die Evenkamp-Serie
Die Kolonie im Evenkamp: Als der Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenverein (Osnabrück) 1911 die Zechensiedlung baute, nahm die Bevölkerung in der alten Bauerschaft explosionsartig zu. Aufgrund der Einwanderungswelle der Bergarbeiter entwickelte sich eine Infrastruktur – um die die jetzigen Evenkämper die früheren Bewohner heute noch beneiden.

Mit dem jüngsten Abriss der 100 Jahre alten Weihbachschule an der Stockumer Straße ist wieder ein Stück Evenkamp verloren gegangen. Aus diesem Anlass blicken wir auf die Geschichte der einstigen Kolonie zurück und stellen in loser Reihenfolge Zeitzeugen der Bergarbeitersiedlung vor. 

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