Westfalen brachte Werne Beständigkeit

Zum 200. Geburtstag

„Gottes langsamste Schöpfung“ war Westfalen - davon ist zumindest Kabarettist Fritz Ekenga ausgegangen. Tatsächlich dauerte es lang, bis Westfalen mit festen Grenzen in Erscheinung trat: erst 1815. Zum 200. Geburtstag schauen wir mit dem Werner Museumsleiterin Heidelore Fertig-Möller auf die bewegten Geburtsstunden zurück.

WERNE

, 01.01.2016, 05:15 Uhr / Lesedauer: 2 min
Museumsleiterin Heidelore Fertig-Möller zeigt die Prokamation des Bevollmächtigten des Kaisers Napoleon für die Inbesitznahme durch das Kaiserreich Frankreich.

Museumsleiterin Heidelore Fertig-Möller zeigt die Prokamation des Bevollmächtigten des Kaisers Napoleon für die Inbesitznahme durch das Kaiserreich Frankreich.

Ob sie gejubelt haben 1806, als die Franzosen in Werne einzogen und die Preußen vertrieben haben? „Bestimmt“, meint Heidelore Fertig-Möller. Den meisten Wernern sei es verhasst gewesen, dass vier Jahre zuvor der protestantische König aus Berlin ihren katholischen Fürstbischof aus Münster abgesetzt hätte.

Aus den Freudengesängen seien aber schon bald Klagelieder geworden – und später Kriegsgeschrei. Erst vor 200 Jahren wurde wieder gelacht. Meistens zumindest. Denn fünf Werner sagten nach der Schlacht bei Waterloo, in der Napoleon endgültig besiegt wurde, gar nichts mehr: Carl Deutz, Heinrich Everding, Anton Heimann, Heinrich Kortendieck und Bernhard Beckmann hatten den Kampf gegen den einstigen Befreier, der für sie schnell zum Besatzer geworden war, mit dem Leben bezahlt. An ihren Tod erinnerte fast 150 Jahre lang eine Tafel in der Kirche St. Christophorus. „Die war wohl in den 1960er-Jahren abgenommen worden“ so Fertig-Möller.

Ein großes Hin und Her

Spätestens mit ihrem Verschwinden verblasste auch die Erinnerung an ein unruhiges Kapitel in der Werner Stadtgeschichte, das „Franzosenzeit“ genannt wird. „Ein großes Hin und Her“, sagt Fertig-Möller. Als mit dem aufdämmernden Ende des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation nach mehr als 800 Jahren 1802 die letzte Stunde des Fürstbistums Münster schlug, sei Werne zum Spielball der großen Politik geworden: Erst wurde die Stadt Teil des Königreichs Preußen.

1806 schlug der siegreiche Napoleon sie dem Großherzogtum Berg zu, bevor er sie direkt unter seine Herrschaft stellte. Ende 1813 dann die Wende – aber nicht zurück zur alten kirchlichen Herrschaft, sondern zu den inzwischen etwas geliebteren Preußen.

Franzosen verscherzten es sich mit den Wernern

Warum es sich die Franzosen so schnell verscherzt hatten mit den Wernern – obwohl sie doch ein neues Rechtssystem (Code Napoleon) eingeführt hatten, das die Bürger unabhängig vor dem Gesetz gleichstellte? „Der Militärdienst“, nennt Fertig-Möller den Grund.

Napoleon brauchte Soldaten für seine Feldzüge – oft Himmelfahrtskommandos, an denen sich die Werner nicht beteiligen wollten. Deshalb hätten sie am Ende sogar selbst zu den Waffen gegriffen – wie Carl, Heinrich und ihre drei Freunde. „Erst Westfalen brachte Beständigkeit.“

Wissenswertes über Westfalen: 

Deftige Genüsse standen für Heinrich Heine (1797-1856) im Vordergrund, wenn der Dichter an Westfalen dachte. Die preußische Provinz nannte er das „Vaterland der Schinken“, in dem – wenig schmeichelhaft – ein „Zauberwald, wo Schweinebohnen blühen“ zu finden sei. Was der ironische Heine damals wohl als Mangel an kulinarischer Finesse geißeln wollte, gilt heute als regionale Besonderheit in einer globalisierten Küche. 

Gar nicht gefallen hat es dem Philosophen und Schriftsteller Voltaire (1694-1778) in Westfalen. Sein 
(Vor-)Urteil lautet: „In großen Hütten, die man dort Häuser nennt, sieht man Tiere, die man als Menschen bezeichnet, die ganz vertraut mit den anderen Haustieren zusammenleben. Ein merkwürdiger harter Stein, schwarz und klebrig, angeblich aus einer Art Roggen zusammengebacken, ist die Nahrung der Hausväter.“ 

Westfälisches Bier hat bundesweit einen klingenden Namen. Dabei wurde laut Dr. Heinrich Tappe, Kurator des Dortmunder Brauerei-Museums, bis in die 1850er-Jahre in keiner preußischen Provinz so wenig Bier getrunken wie in Westfalen. Selbst wenn man das Selbstgebraute auf den Höfen hinzurechne, seien es nicht mehr als zehn Prozent des heutigen Verbrauchs gewesen. Kornbranntwein war dagegen beliebt.

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