Wie ein 85-jähriger Uhrenwart die Zeit empfindet

Interview im Seniorenheim in Werne

29. Februar 2016, ein Schalttag. Für uns ein Anlass, über Zeit zu sprechen, Zum Beispiel mit einem Menschen, der schon viel Zeit auf der Welt verbracht hat. Wir haben mit Werner Kruse (85) gesprochen. Er lebt seit einem Jahr im Seniorenzentrum Antonius in Werne - und ist dort Uhrenwart. Eine Aufgabe, die er sehr ernst nimmt.

WERNE

, 26.02.2016, 11:25 Uhr / Lesedauer: 2 min
Werner Kruse ist der Uhrenwart im Werner Seniorenzentrum.

Werner Kruse ist der Uhrenwart im Werner Seniorenzentrum.

Herr Kruse, man könnte sagen, Sie sorgen hier im Seniorenheim dafür, dass die Zeit läuft. 

Ich bin der Uhrenwart. Morgens und abends ziehe ich die große Standuhr im 2. Stock auf. Wenn man das nicht macht, bleibt sie stehen. Und dann muss der Uhrenmacher kommen, um die Zeiger wieder zum Kreisen zu bringen.

 

Wenn Sie die Zeiger ihrer eigenen Lebensuhr verstellen könnten, bis zu welchem Zeitpunkt würden Sie sie zurückdrehen?

Bis zu meiner Kindheit. Und ich würde alles noch mal genau so machen, wie ich es gemacht habe. Ich war immer eingebunden, und es hat mir Spaß gemacht, meiner Mutter zu Hause zu helfen. Beim Kochen. Oder beim Aufräumen. Auch später, als Erwachsener, war ich immer gut beschäftigt. Ich war selbstständig, war Friseur - und das Haareschneiden war meine Leidenschaft. Als Rentner war ich viel im Garten, und ich habe meine Frau gepflegt. Auch hier im Seniorenheim bin ich immer beschäftigt. Langeweile kenne ich nicht.

 

Sie blicken auf 85 erfüllte Jahre zurück. Fühlt es sich so an, als sei die Zeit schnell oder langsam vergangen?

Die Zeit ist immer schon schnell vergangen - eben weil ich immer etwas zu tun hatte. Heute gucke ich aber viel öfter auf die Uhr als früher, weil ich meine Termine nicht verpassen möchte. Um den Überblick zu behalten, führe ich einen Kalender. Dabei habe ich früher immer gedacht, alte Leute hätten ganz viel Freizeit.

 

Das klingt ja fast stressig. Was für Termine müssen Sie denn einhalten?

Jeder hat hier seinen Plan. Wir backen Plätzchen oder Kuchen - oder wir machen Sport. Man will ja fit bleiben. Morgens, mittags und abends gibt es feste Essenszeiten. Dann sind da noch die Arzt-Termine. Und ich verteile Zeitungen hier im Haus. Und ich muss ja auch die Uhr aufziehen. 

 

Wenn Sie einen Tag geschenkt bekämen und keine Termine hätten - was würden Sie machen?

Ich wünschte, dieser Tag wäre im Dezember - dann würde ich Weihnachtsvorbereitungen treffen, weil ich die Weihnachtszeit sehr mag. Hier im Seniorenheim feiern wir auch an Heiligabend. Solche Traditionen sind mir wichtig.

 

Traditionen verbinden oft Vergangenheit und Gegenwart. Sind Ihre Gedanken häufiger bei dem, was war, oder bei dem, was ist?

Ich denke schon oft an die Vergangenheit. Man hängt ja an dem, was man erlebt hat. Ich denke zum Beispiel viel an meine Selbstständigkeit zurück. An die Kollegen, an die Kunden. Hier im Altenheim habe ich eine ehemalige Kundin wiedergetroffen, über 100 Jahre alt. Mit ihr habe ich viel über vergangene Zeiten geredet. Aber mir ist es auch wichtig zu wissen, was heute passiert. Ich lese jeden Morgen Zeitung. Und wenn ich Besuch von meinen Verwandten bekommen, möchte ich, dass sie mir von sich erzählen. Ich möchte mitbekommen, was zu Hause bei meiner Tochter und meinen Enkeln passiert.

 

Was unterscheidet die Zeit, in der Ihre Enkel erwachsen werden, von der, in der Sie groß geworden sind?

Der Zusammenhalt zwischen den Generationen war viel größer. Familien leben heute zerstreuter. Die Zeit ist schnelllebiger geworden. Und neben der Arbeit schaffen die Menschen nur noch wenig andere Dinge. 

 

Das klingt, als hätte Ihnen die vergangene Zeit besser gefallen als die heutige.

Sie war nicht besser. Früher - das war nur einfach eine ganz andere Zeit. 

 

Unser Projekt "24 Stunden - 24 Facetten der Zeit"

Dieser Artikel ist Teil unseres großen Multimedia-Projekts "24 Stunden - 24 Facetten der Zeit" zum Schalttag, zum 29. Februar 2016. Unser Tipp: Nehmen Sie sich Zeit für diese Zeit-Reise.

Die Grafik funktioniert auf dem Smartphone am besten quer.

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