Die Pflegekammer NRW soll die Interessen von 200.000 Pflegekräften vertreten. Doch die Skepsis ist groß - unter anderem aufgrund der Mitgliedsbeiträge. © picture alliance / Oliver Berg
Pflege

Zwangsbeitrag für Pflegekräfte – Das sagt Wernes Krankenhaus-Leiter zur Kritik an der Pflegekammer

Die Pflegekammer NRW existiert noch gar nicht – und trotzdem gibt es schon jetzt Kritik an den Plänen. Wernes Krankenhaus-Leiter kämpft gegen die Vorwürfe an. Zum Teil hat er Verständnis für die Sorgen.

Die Pflegekammer NRW soll im April 2022 endlich an den Start gehen. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Doch schon jetzt gibt es teils massive Kritik an dem Vorhaben. Die Kammer hatte jüngst dazu aufgerufen, dass sich Pflegekräfte online registrieren sollen. Skeptiker und Gegner zeigen sich empört über eine Zwangs-Mitgliedschaft und Zwangs-Beiträge für alle Krankenschwestern, Pfleger und Co..

Einer von ihnen hat sich per Instagram an unsere Redaktion gewandt. Der User schreibt: „Das bedeutet, dass diejenigen, die in der Pandemie so viel geleistet haben und schon immer wenig verdienen, jetzt noch dazu gezwungen werden, sich in NRW in der Kammer registrieren zu müssen und dort Beiträge zu zahlen.“ Mit dieser Ansicht ist er nicht alleine. Aber was sagen eigentlich die Verantwortlichen dazu?

Kammer soll Interessen von 200.000 Pflegekräften vertreten

Ludger Risse ist Vorstandsmitglied des Errichtungsausschusses der Pflegekammer NRW und Standortleiter des Christophorus-Krankenhauses in Werne. Die Kammer soll vor allem dafür sorgen, dass politische Entscheidungen nicht mehr über den Kopf der Pflege hinweg getroffen werden – zum Beispiel mit Blick auf das Personalbemessungssystem. Sie soll die Interessen von gut 200.000 Pflegekräften in NRW vertreten und dabei helfen, dass sich die Arbeitsbedingungen verbessern.

Risse und seine Mitstreiter haben lange dafür gekämpft, dass eine solche Kammer bald auch in NRW existiert. Jetzt kämpfen sie vor allem gegen die Kritiker. Für die Bedenken hat Risse durchaus Verständnis, wie er auf Anfrage unserer Redaktion erklärt: „Und wenn Informationsbedarf besteht, bin ich immer gerne bereit, in Einrichtungen oder auf Einladung von Gegnern Gespräche zu führen. Das Problem ist nämlich, dass da viele schräge Informationen kursieren – zum Beispiel über horrende Mitgliedsbeiträge oder, dass auch Rentner Beiträge zahlen sollen. Das stimmt aber nicht.“

Verheerende Situation in der Pflege durch fehlendes Mitspracherecht

Ein weiterer Grund für die Skepsis sei oftmals, dass die Betroffenen die Zusammenhänge von Politik und der Situation vor Ort nicht nachvollziehen könnten. Wie auch – die Sache sei schließlich äußerst komplex. „Die Menschen, die in der Pflege arbeiten, bekommen die Auswirkungen von politischen Beschlüssen zu spüren. Sie erkennen aber häufig nicht die Ursachen und Zusammenhänge“, sagt Risse. Mit der „Power“ von einer 200.000 Mitglieder starken Kammer könne man Druck auf die Politik ausüben und mitgestalten. Diese Möglichkeit gab es bislang nicht.

„Ob der Pflegerat was sagt oder ein Spaten umfällt – das ist ungefähr das Gleiche“

Luder Risse

Die aktuell schlechte Situation in der Pflege sei vor allem dadurch zustande gekommen, dass es jahrzehntelang kein Mitspracherecht gab. Als Ansprechpartner für die Politik diente allenfalls der Pflegerat: „Aber ob der was sagt oder ein Spaten umfällt, ist ungefähr das Gleiche – das hat viele in der Politik nicht interessiert.“ Risse weiß das. Er selbst ist schließlich Vorsitzender des Pflegerats NRW.

Zu den beiden Hauptkritikpunkten an der künftigen Kammer sagt er: Ja, es gebe eine gesetzlich verankerte Registrierungspflicht – genauso wie bei Apotheken- und Ärztekammern – und ja, es werde für die Mitglieder eine Beitragspflicht geben. Allerdings stehe die Höhe noch nicht fest. Sie werde aber keineswegs so hoch sein, wie manch einer befürchtet. Risse erklärt das anhand des Beispiels der Pflegekammer Rheinland-Pfalz: Dort zahle ein Vollbeschäftigter durchschnittlich 8,90 Euro Kammerbeitrag im Monat. Allerdings habe die dortige Kammer deutlich weniger Mitglieder.

Allein dadurch würden die künftigen Mitgliedsbeträge in NRW schon niedriger ausfallen. Hinzu kommt: Die Kammer in NRW soll Geld vom Staat erhalten. Und zwar im Gegenzug dafür, dass sie Aufgaben übernimmt, die bislang der Staat erledigte – zum Beispiel die Weiterbildung von Personal und die Abnahme von Prüfungen. Auch die Kammer in Rheinland-Pfalz hat diese Aufgaben vom Staat übernommen. Allerdings muss sie die dabei anfallenden Kosten aus den eignen Mitgliedsbeiträgen finanzieren.

Risse ist zuversichtlich, dass das in NRW anders sein wird. Der Gesundheitsminister habe zumindest eine entsprechende Absichtserklärung gegeben und in den Reihen der Parteien gebe es ebenfalls Zuspruch, sagt der Standortleiter des Werner Krankenhauses. Und spätestens wenn die Kammer ihre Arbeit aufnimmt, sollen dann im Idealfall alle Skeptiker überzeugt sein. Vor allem die Pflegekräfte selbst. Denn die zahlen schließlich Beiträge.

4.000 haben sich bereits registriert

  • Der Errichtungsausschuss der Pflegekammer NRW hat in den vergangenen beiden Wochen rund 140.000 Anschreiben an Pflegekräfte beziehungsweise deren Arbeitgeber herausgeschickt. Bislang haben sich 4.000 Personen registriert – online oder in Papierform.
  • Mehr Informationen rund um die geplante Pflegekammer NRW sowie Ansprechpartner gibt es online unter www.pflegekammer-nrw.de.
Über den Autor
Redakteur
Geboren 1984 in Dortmund, studierte Soziologie und Germanistik in Bochum und ist seit 2018 Redakteur bei Lensing Media.
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Felix Püschner

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